Ein Paradiesvogel macht Schluss mit 44 Jahren

Marcelinho, der Brasilianer, der Hertha BSC viel Glanz verlieh

Autor: Michael Jahn

Er hat es tatsächlich getan, aber vielleicht sagte sein Körper nun auch Stopp: Marcelo dos Santos Paraiba, bekannt als Marcelinho, hat seine schillernde und unglaublich lange währende Karriere beendet. Der Brasilianer, der bei fast allen Experten als der beste Spieler gilt, der in den letzten Jahrzehnten bei Hertha BSC unter Vertrag stand, schoss im Alter von 44 Jahren sein letztes Tor in seinem letzten Pflichtspiel. Das passierte am 15. März. Der offensive Mittelfeldmann, auf dem Platz ein Alleskönner, traf beim 2:1-Sieg seiner Mannschaft von Desportivo Perilima de Futebol aus Campina Grande gegen CSP Joao Pessoa zur 1:0-Führung. Später verließ er unter dem Jubel seiner Fans den Rasen. Glück für ihn, der sehr viele seiner einst vor allem in Deutschland verdienten Millionen während eines ausschweifenden Lebenswandels verlor, dass ihm sein Heimatklub Perilima sofort einen Job im Trainerstab besorgte. Marcelinho arbeitet nun bei der U20 des Klubs und will später seine Trainerlizenz erwerben.

sechs Jahren, in denen er in 155 Erstligaspielen stattliche 65 Tore schoss (Platz 4 der „ewigen“ Torjägerliste der Hertha) unterhielt er nicht nur die Fans meist glänzend, er lieferte auch Berlins Sportjournalisten unentwegt neuen Stoff. Marcelinho, der einen robusten Körper besaß, an dem er aber im Berliner Nachtleben Raubbau betrieb, war selten verletzt oder krank. Er konnte eine Nacht durchtanzen und feiern, stand am Morgen auf dem Trainingsplatz und lief den meisten seiner Mitspieler davon. Marcelinho war es, der ganz allein Spiele entscheiden konnte, der sein Team mitriss, das natürlich auch für ihn arbeiten musste – so wie etwa Pal Dardai. Der Ungar hielt dem Künstler am Ball oft den Rücken frei.
Der Brasilianer stürzte Manager Hoeneß, der ihn immer unterstützte, oft von einer Verlegenheit in die andere. Er fuhr unter Alkohol über den Kaiserdamm, eine Nachricht, die sich bis in seine Heimat verbreitete und ihm wohl die Teilnahme ander Weltmeisterschaft 2002 kostete. Es blieb bei seinen bis dahin fünf Länderspielen – viel zu wenig für einen Mann mit seinen Fähigkeiten. Der gutgläubige und auch gutmütige Profi lud ständig Dutzende Freunde aus seiner Heimat nach Berlin ein, ließ sie in ei- nem Apartment neben seiner Wohnung residieren und hielt diese aus. So wollte er sich ein Stück Heimat erkaufen, eine Wohlfühl-Atmosphäre. Von rund 30.000 Euro Ausgaben pro Monat war die Rede.

Schöne Zeiten: Bei Hertha BSC erlebte Marcelinho von 2001 bis 2006 den Höhepunkt seiner Spielerkarriere. 65-mal konnte er einen eigenen Treffer für die Blau-Weißen in der Bundesliga bejubeln, hier im Februar 2003. Foto: imago images/contrast
Partygänger: In seiner Lieblingsbar Ipanema tanzte Marcelinho gern mal die Nacht durch, so wie hier im April 2005. Foto: imago images/Wagner

Der Mann, der für insgesamt 25 Vereine in vier Ländern am Ball war – in seiner Heimat, in Frankreich, in Deutschland und in der Türkei – erlebte den Höhepunkt seiner Laufbahn bei Hertha BSC. 2001 holte ihn der damalige Manager Dieter Hoeneß für sieben Millionen Euro von Gremio Porto Alegre nach Berlin. In Finanzielle Nöte waren die Folge, auch, weil er in Brasilien in falsche Unternehmen, vor allem in Bauvorhaben in Campina Grande, investierte. Hinzu kamen immer wieder Undiszipliniertheiten, einmal wurde er gar handgreiflich gegen Kapitän Arne Friedrich. Doch immer wieder wurden ihm seine Eskapaden verziehen, weil er Leistung brachte auf dem Platz und unberechenbar war für jeden Gegner der Hertha. Die Fans liebten ihn und auch Berlins Reporter. Mit ihm spielte Hertha in jeder Saisonauch international. Höhepunkt war für den Mann, der ständig neue Frisuren in neuen Farben trug, die Spielzeit 2004/05, als er 18 Tore schoss und 13 Assists gab. Die Bundesligaprofis der Liga wählten ihn zum „Besten Spieler der Saison“.
Dieter Hoeneß sagte: „Marcello war wie ein Sohn für mich, aber mein schwierigster. Er hat viel Blödsinn gemacht, gefeiert, aber am nächsten Tag rannte er im Training vorneweg.“ Aber im Sommer 2006 waren Hoeneß und der damalige Cheftrainer Falko Götz mit ihrer Geduld am Ende. Ins Trainingslager nach Bad Waltersdorf in Österreich kam Marcelinho mit neun Tagen Verspätung und lächerlichen Ausreden. Es war bereits das vierte Mal, dass er zu spät aus dem Heimaturlaub zurückkehrte. Marcelinho war fortan von der Mannschaft isoliert. Hoeneß verkaufte ihn für 2,5 Millionen Euro Ablöse an Trabzonspor in die Türkei. Als sich der extrovertierte Mann auf einer Pressekonferenz auf dem Olympia-Gelände verabschiedete, blieb er sich treu: Er erschien einige Minuten zu spät!

In der Türkei kam er nicht zurecht, fühlte sich einsam und heuerte beim VfL Wolfsburg an, wo er in 50 Spielen zwölf Tore schoss, ehe er in seine Heimat zurückkehrte.
Beinahe elf Jahre nach seinem Abschied aus Berlin kam es zu einem verspäteten Abschiedsspiel im Olympiastadion, das Marcelinho gern sein „Wohnzimmer“ nannte. 40 ehemalige prominente Profis aus 19 Ländern waren angereist und beteiligten sich am Spektakel bei „Brazil & Friends“ gegen die „Hertha-All-Stars“, das 8:7 endete. Die anschließende Players-Night in einem bekannten Berliner Club endete am nächsten Morgen um 8 Uhr. Es heißt, Marcelinho sei ruhiger geworden, lebe bescheidener, besuche regelmäßg die Kirche mit seiner Familie. Die große Party sei vorbei. Im Sommer plant er ein Praktikum bei Hertha BSC. Nach seinem letzten Auftritt sagte er: „Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Tag kommen würde, aber er ist gekommen.“

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