22.06.2018

„Wir können uns wieder in die Augen schauen“

Interview mit Murat Tik (CFC Hertha 06)

Hertha 06 liegt ihm am Herzen: Trainer Murat Tik (links) in der Saison 2014/15 mit seinem damaligen Kapitän Dogukan Topuz, als die Charlottenburger in die Oberliga aufstiegen. Foto: JouLux

Ende April 2016 trennten sich die Wege von Murat Tik (43) und dem CFC Hertha 06. Knall auf Fall, nachdem der in Haselhorst groß gewordene Deutsch-Türke mit den Charlottenburgern zuvor innerhalb von drei Jahren von der Landesliga in die Oberliga durchmarschiert war. Während sich seither etliche Trainer an der Brahestraße die Klinke indie Hand gaben, kümmerte sich Tik vorrangig um sein berufliches Fortkommenals selbstständiger Unternehmer im Personenbeförderungsgewerbe.Dabei hatte der Uefa-A-Lizenzinhaber nicht nur beiHertha 06, sondern auch bei den StationenGalatasaray Spandau und Spandauer SV seine Fähigkeiten im Herrenbereich (jeweils Aufstieg von der Bezirksliga in die Landesliga) unter Beweis gestellt. Nun ist Tik wieder da, wieder bei Hertha 06 – und guten Mutes, seinen Weg an der Seitenlinie erfolgreich fortzuführen.

Fußball-Woche: Herr Tik, mussten Sie sich lange überreden lassen, um bei Hertha 06 als Feuerwehrmann einzuspringen?

Murat Tik: „Ich war beim letzten Spiel von Hertha 06 gegen Hertha Zehlendorf (1:3; die Red.) vor Ort, anschließend kamen Erkan Erdem und Deniz Alatas (Sportliche Leitung von Hertha 06; die Red.) auf mich zu und haben gefragt, ob ich bereit wäre, für die zwei Relegationsspiele gegen Einheit Kamenz zu helfen. Ich habe spontan zugesagt, weil mir der Verein am Herzen liegt.“

Mittlerweile haben Sie einen Vertrag bis zum Sommer 2019 unterschrieben ...

Tik: „Nach der Relegation wollten wir uns eigentlich in Ruhe zusammenset-zen und schauen, wie es weitergeht. Als es dann geschafft war, kam Präsident Er-gün Cakir noch auf dem Platz zu mir und meinte: ‚Komm, wir machen jetzt weiter!‘ Er hat mich schlichtweg überrumpelt.“

Ihr Abgang 2016 beim CFC war ebenfalls überraschend, Sie selbst haben mal gesagt, das sei „nicht so schön“ gewesen. Sind alle Unstimmigkeiten ausgeräumt?

Tik: „Damals lag es einfach an mangelnder Kommunikation. Es wurde nicht miteinander geredet, stattdessen wur-den Botschaften über Dritte weitergege-ben. Wir haben mitterweile alles bespro-chen und können uns wieder in die Au-gen schauen. Damit ist die Sache für mich erledigt.“

Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass Sie in Zukunft in Ruhe arbeiten können?

Tik: „Ich kann nicht sagen, was unter meinen Vorgängern ablief, aber während meiner ersten Amtszeit war es – bis auf das Ende – relativ okay. Mir hat niemand reingeredet, es gab Vertrauen. Natürlich hat Ergün Cakir als Präsident seine Vorstellungen, das ist auch in Ordnung, schließlich investiert er in den Verein. Grundsätzlich hatten wir in den knapp drei Jahren immer ein gutes, von Respekt geprägtes Verhältnis. Das wird auch in Zukunft so sein, davon gehe ich jedenfalls aus.“

Wie geht es jetzt konkret weiter?


Tik: „Wir haben eine junge Mannschaft, die wollen wir möglichst beisammen halten und nach Möglichkeit ergänzen. Mein Wunsch ist, hier mit jungen Leuten etwas zu entwickeln, so dass wir in zwei, drei Jahren eine gute Rolle in der Oberliga spielen können.“

Bleibt die Regionalliga Ihr persönliches Ziel?

Tik:
„Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass es sehr schwer ist, den Sprung in die Regionalliga zu schaffen. Es gibt einfach zu viele Trainer auf dem Markt. Zudem zählt nicht nur sportlicher Erfolg, man braucht auch die richtigen Kontakte. Es gab ja öfter mal einen freien Posten in der Region, allerdings war ich nie ein Kandidat, das hat mich schon überrascht. Vielleicht liegt es an meiner Art: Ich bin gerade heraus und lasse mich ungern verbiegen, das haben Vereinsfunkti-onäre mitunter nicht so gerne.“

Momentan blickt die Fußballwelt nach Russland. Welche Erwartungen haben Sie an die WM?


Tik: „Für mich als Trainer ist vor allem interessant, ob es taktische Neuerungen gibt, vielleicht eine neue, interessante Spielidee.“

Die Vorbereitung der DFB-Elf verlief nicht störungsfrei. Wie bewerten Sie die Diskussi-on um Mesut Özil und Ilkay Gündogan?


Tik: „Ich bin zwar kein Fan des türkischen Präsidenten Erdogan, aber die Reaktionen der Medien finde ich überzogen. Das ist eine unnötige Diskussion. Wenn dann auch noch ein Ex-Nationalspieler wie Stefan Effenberg den Rausschmiss der beiden fordert, dann ist das für die Stimmung in der Mannschaft sicher nicht förderlich.“

Beim letzten Test in Leverkusen gab es Pfiffe gegen Gündogan. Für Sie nachvollziehbar?

Tik: „Was hätte der Junge denn machen sollen? Er hat mit dem Präsidenten des Herkunftslandes seiner Eltern für ein Foto posiert. Hätten die Spieler das Foto abgelehnt, wären sie von der türkischen Presse niedergemacht worden. Ich bin auch zweisprachig aufgewachsen, aber Deutschland ist meine Heimat. Wenn wir Deutsch-Türken die Türkei besuchen, sind wir dort die Ausländer. Özil und Gündogan haben sich zu Deutschland bekannt, beide sind noch jung, man sollte sie medial nicht fertigmachen.“

Halten Sie es für denkbar, dass die Mannschaft durch die Kritik von außen zusammengeschweißt wird?


Tik: „Ich hoffe, dass es so kommt. Dann wären alle mundtot gemacht.“

Glauben Sie an einen Erfolg der deutschen Elf bei der WM?

Tik: „Deutschland ist immer mein Favorit, ich traue dem Team die Titelverteidigung auf jeden Fall zu.“

Interview: Alex Heinen

Kommentieren

Vermarktung: