20.06.2020

Vom Absteiger zum Weltmeister

In dieser Woche vor 70 Jahren

Auch wenn die erste Saison der DDR-Oberliga im April 1950 mit dem Meistertitel von Horch Zwickau und der Zerschlagung des Tabellenzweiten Dresdner SC, dessen Spieler um den späteren Bundestrainer Helmut Schön sich zum Großteil in den Westteil Berlins absetzen, zu Ende gegangen ist, dieses Premierenspieljahr der obersten Spielklasse steckt noch immer in den Kinderschuhen. Vor allem die Politik behält ihre Finger massiv im Spiel, weil sich die Verhältnisse in der jüngeren Vergangenheit – der Vier-Mächte-Status schwebt gerade über dem Fußball in Berlin, inzwischen aber ist die DDR gegründet – grundlegend geändert haben.

Längst ist die Sommerpause im vollen Gang, da wälzen die Funktionäre im Nachhinein einiges durcheinander. Es geht um den Abstiegskampf, der fast noch spannender ist als die Entscheidung um den Titel. Zwar steht Vorwärts Schwerin mit mageren elf Punkten (vier Siege, davon sogar zwei auswärts, sowie drei Unentschieden) als Absteiger lange vor dem Saisonfinale fest, aber um die beiden anderen Abstiegsplätze entwickelt sich ein zähes Ringen. Vor dem letzten Spieltag kann es ZSG Altenburg (15 Punkte), Eintracht Hans Wendler Stendal, die BSG Gera-Süd und Anker Wismar (je 17) erwischen.


Erwartungsgemäß und trotz eines 3:0 gegen den Tabellenachten ZSG Industrie Leipzig muss Altenburg in den sauren Apfel beißen. Weil sich Gera-Süd mit einem 2:1 gegen Märkische Volksstimme Babelsberg rettet, stürzt überraschend Wismar ab. Dabei hätte im Abstiegs-Endspiel in Stendal ein Unentschieden gereicht, doch die Norddeutschen unterliegen deutlich mit 1:5 und müssen runter.

Plötzlich aber ist alles neu im Abstiegskampf. Die Konzeptlosigkeit der Anfangsjahre feiert Urständ. Neun Wochen nach dem vermeintlich letzten Abpfiff der Saison geht es doch noch ein Stückchen weiter. Die Abstiegskarten werden auf Beschluss der Sportführung neu gemischt. Altenburg und Wismar – die Thüringer sind Drittletzter, die Ostseestädter Vorletzter – erhalten eine unverhoffte Chance auf den verspäteten Klassenerhalt. Der Grund: Die Sport-Oberen entschließen sich holterdiepolter dazu, aus dem Vierzehnerfeld nur zwei Mannschaften absteigen zu lassen.
Der Showdown findet am 17. Juni 1950 auf neutralem Platz in Magdeburg statt. Dieses Entscheidungsspiel um den Verbleib in der Oberliga ist ein Hit und ein Herzinfarktspiel zugleich, in dem die Altenburger mit 3:2 das glücklichere Ende haben. Es entwickelt sich eine Partie, die keinen ruhig lässt. 1:0 gehen die Altenburger durch Karl Friedemann, ihren besten Saisontorschützen, in Führung, zur Halbzeit aber haben die Wismarer die Partie mit Toren von Heinz Minuth, der später viele Jahre in Rostock wirbelt und für den SC Empor weitere 153 Erstligaspiele bestreitet, und Spillmann gedreht.

Danach aber kommen die Thüringer zurück. Vor allem Friedemann haben sie es zu verdanken, dass sie am Ende die Klasse halten. Erst köpft der Halblinke eine Ecke zum 2:2-Ausgleich ein (58.), 14 Minuten vor dem Ende serviert er den Ball seinem Linksaußen Alfred Gräfe, der ihn zum 3:2 ins Netz wuchtet und damit das Abstiegs-Endspiel zugunsten der Altenburger entscheidet.

In der Anker-Elf läuft mit Fritz Laband übrigens ein linker Verteidiger auf, der nach Ende des II. Weltkrieges aus Oberschlesien – dort hatte er für Preußen Zaborze, einem Stadtteil der Stadt Hindenburg, der heute ­Zabrze heißt – nach Mecklenburg gekommen war und in dieser ersten Saison 22 Oberligaspiele bestreitet. Der Abwehrspieler, 24 Jahre erst alt, wird in einem Spiel der Landesauswahl Mecklenburgs von Spähern aus Hamburg beobachtet und zu einem Wechsel zum HSV überredet. Am Rothenbaum startet Laband seine Karriere durch, schafft es bei Bundestrainer Sepp Herberger in die Nationalmannschaft und ist Mitglied des 1954er-Weltmeisterteams. Beim WM-Turnier in der Schweiz ist Laband in den beiden Spielen der Vorrunde gegen die Türkei (4:1 und 7:2) dabei, ebenso im Viertelfinale gegen Jugoslawien (2:0) und genießt in Bern, obwohl er im Halbfinale und im Finale zuschauen muss, den grandiosen 3:2-Triumph über Ungarn.

Ein anderer Großer seiner Zunft ist gleichfalls in den Abstiegskampf verwickelt, wenngleich nicht derart eng wie Laband. Georg Buschner, eisenharter Verteidiger von Gera-Süd, rettet sich mit seiner Mannschaft als Tabellenelfter und entgeht damit haarscharf den Entscheidungsspielen

Von Robert Klein

Kommentieren