17.05.2020

Umlagerter Getränkestand

In dieser Woche vor 50 Jahren

Am Pfingstsonntag kommt es zu einer spontanen Essenseinladung. Ausgesprochen von der Mannschaft Tennis Borussias, adressiert an die Spieler von Blau-Weiß 90. Bei TeBe wissen sie genau, wem sie den ebenso erfreulichen wie unerwarteten Ausgang der Regionalligasaison zu verdanken haben. Stunden zuvor vollzieht sich am 17. Mai 1970 laut Fußball-Woche „ein Drama, das sicher auch in den Annalen der Berliner Fußballgeschichte als ein solches festgehalten wird“.

Fangen wir etwa vier Wochen früher an. Spitzenspiel, Tasmania 1900 schlägt Tennis Borussia vor fast 6000 Besuchern 2:1 – eine stattliche Zuschauerzahl für eine Liga, in der es vielen Vereinen finanziell schlecht geht. „Berlins Regionalliga ist wirtschaftlich am Ende“, heißt es nach einer Sitzung der Klubs im Frühjahr in der FuWo. Durch den Sieg hat Tas als Zweiter sieben Punkte Vorsprung auf die Veilchen. „Die Neuköllner schienen für die Aufstiegsrunde so sicher wie der tägliche Auf- und Untergang der Sonne“ (FuWo).

Doch plötzlich wackelt Tasmania, der Vorsprung schmilzt. Richtig eng wird es nach zwei Niederlagen binnen 72 Stunden gegen Rapide Wedding (1:2 auf eigenem Platz) und beim Spitzenreiter Hertha 03 Zehlendorf (0:3). TeBe hat erst spielfrei, siegt dann 6:0 gegen die Neuköllner Sportfreunde und unter der Woche 2:0 gegen Blau-Weiß 90.
Vor dem letzten Spieltag ergibt sich eine Konstellation, an die selbst die größten Fans der Charlottenburger nicht mehr geglaubt haben dürften: Tas 38:12 Punkte, 62:21 Tore. TeBe 37:13 Punkte, 67:22 Tore. Die Rechnung ist einfach: Gewinnen die Borussen zum Abschluss beim Absteiger Kickers 1900, darf sich Tasmania keinen Ausrutscher erlauben.

3617 Zuschauer zahlen im Sportpark Neukölln Eintritt. Jörg Geyer erzielt in der 22. Minute nach einem Abwehrfehler das 1:0 für Blau-Weiß. Tas-Topstürmer Wolfgang John (21 Saisontore) macht direkt nach der Pause mit einem verwandelten Elfmeter den Ausgleich und Mitte der zweiten Halbzeit das Führungstor. Doch neun Minuten vor dem Ende erlaubt sich Tas einen weiteren Fehler im Defensivbereich, diesmal durch Torwart Mirko Stojanovic. Der Ex-Tasmane Heinz Reinhard trifft zum 2:2-Endstand.

Fassungslosigkeit herrscht nach Schlusspfiff bei Tasmanias Anhängern. Sie wissen bereits, dass TeBe 3:1 gewonnen hat. Mehrere Vereinsverantwortliche sollen dagegen laut FuWo gar nicht unglücklich über das Verpassen der Aufstiegsrunde zur Bundesliga sein: „Wahrscheinlich fürchteten Vorstandsmitglieder bei den Gruppenspielen wirtschaftlich nicht zu verkraftende Einbußen, die sich in Bezug auf den Neuaufbau der Mannschaft für die kommende Saison hätten störend auswirken können.“

Sechs Kilometer nordwestlich auf dem Sportplatz Monumentenstraße bricht mit der Verkündung des Tasmania-Ergebnisses großer Jubel bei Mannschaft und Fans von TeBe aus. „Der Getränkeausschank war von den Begeisterten im Nu umlagert“, schreibt die FuWo. „Ich habe nicht mehr damit gerechnet“, sagt Trainer Günter Brocker. Ein spontanes Trainingslager für die Aufstiegsrunde schließt er sofort aus: „Jetzt die Spieler plötzlich aus ihren täglichen Gewohnheiten reißen, könnte sich unter Umständen negativ auswirken. Auf jeden Fall wollen wir Berlin ehrenhaft vertreten.“ Zuvor aber gibt es als Dank an Blau-Weiß 90 das gemeinsame Abendessen.
Mit der Entscheidung um den Aufstieg hat TeBe erwartungsgemäß nichts zu tun. In der Fünfergruppe, die Arminia Bielefeld für sich entscheidet und in die Bundesliga hochgeht, werden die Charlottenburger mit 5:11 Punkten Vierter. In der anderen Gruppe ist der Berliner Meister Hertha 03 lange oben dabei, wird am Ende jedoch hinter Kickers Offenbach und dem VfL Bochum nur Dritter.

Von Sebastian Schlichting

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