07.02.2020

Speth, das Stehaufmännchen

In dieser Woche vor 60 Jahren

Es ist ein Hammer-Urteil, das der Deutsche Fußballverband der DDR (DFV) Ende Januar 1960 fällt und am 2. Februar öffentlich macht. Es betrifft die Sperre von Hans Speth, im Spieljahr 1959 Linksaußen des Tabellenvierten SC Empor Rostock und einer der besten Angreifer der Republik. Der Wortlaut: „Der Sportfreund Hansi Speth, ehemals Mitglied des SC Empor Rostock, wird auf Dauer von 4 Monaten, und zwar vom 1. November 1959 bis 28. Februar 1960, für jeden Spielverkehr gesperrt.

Er darf in der Zeit vom 1. März 1960 bis 31. Dezember 1960 in keiner Mannschaft der Oberliga, I. Liga und in keiner Clubmannschaft zum Einsatz kommen. Der Sportfreund Robert Luer vom Rechtsausschuss des DFV wird beauftragt, die Entwicklung des Sportfreundes Hans Speth zu kontrollieren und ihm zu helfen, sich in arbeitsmäßiger und sportlicher Hinsicht zu entwickeln und zu festigen. Die Kosten des Verfahrens hat der SC Empor Rostock zu tragen.“

Monatelange Sperre
Dass die Funktionäre in ihrem Übereifer den 29. Februar ganz und gar vergessen, denn 1960 ist ein Schaltjahr, ist nur mit einer riesigen Portion Galgenhumor zu ertragen. Warum sie sich aber gerade einen der talentiertesten Spieler aussuchen, einen Nationalspieler zumal, um an ihm ein Exempel zu statuieren, setzt dem Ganzen schlichtweg die Krone auf. Was nur hat sich Hansi Speth zuschulden kommen lassen, dass ihn die Bosse fallen lassen wie eine heiße Kartoffel und ihm regelrecht eins auswischen? Er wollte den Verein wechseln. Er wollte von Rostock nach Zwickau, von einem Sportklub zu einer Betriebssportgemeinschaft. Das hat den Funktionären gar nicht gefallen.

Dabei ist Speth einer der Männer fast der ersten Stunde. Als es im Spätsommer 1952 zur Sichtung der Spieler für das erste Länderspiel, das am 21. September in Warschau gegen Polen, geht, ist der Stürmer dabei, auch wenn er nicht zum Einsatz kommt. Weil er der mit Abstand Jüngste ist, rufen die anderen, teils regelrechte Haudegen, ihn der Einfachheit halber Hansi. So werden sie ihn auch später nennen, als er längst schon seinen Trainerschein in der Tasche hat und in der Oberliga mit Sachsenring Zwickau, Chemie Böhlen und Wismut Aue arbeitet, als er beim Nachwuchs des FC Karl-Marx-Stadt und bei Wismut Gera tätig ist. Hansi auch deshalb, weil er am 26. Oktober 1952, fünf Wochen nach dem Länderspieldebüt einer DDR-A-Auswahl, beim 1:3 in Bukarest gegen Rumänien doch seine Premiere feiert und da mit 18 Jahren, drei Monaten und 20 Tagen das Küken ist und der jüngste Nationalspieler der DDR bleibt.

Als 25-Jähriger solch eine Sperre aufgebrummt zu bekommen, das ist ein durchaus hartes Stück. Doch Speth, der schon zuvor ein wenig Pech hat, steckt auch das weg. Das Pech der Vergangenheit besteht darin, dass er, aus Halberstadt stammend, innerhalb der Oberliga von Turbine Halle (hier fällt die Mannschaft nach den Wirren um den Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 auseinander und einige Spieler gehen in den Westen) zu Stahl Thale wechselt, mit den Harzern aber absteigt. Als er nach einem Zweitligajahr nach Rostock geht, wird er an der Küste gleich Stammspieler, muss mit Empor jedoch ebenso absteigen, erreicht mit den Ostseestädtern andererseits 1955 und 1957 das Endspiel im FDGB-Pokal. Allerdings gehen beide Finalspiele, das erste mit 2:3 gegen den SC Wismut Karl-Marx-Stadt, das zweite mit 1:2 gegen den SC Lokomotive Leipzig, verloren.
Nun also die Sperre, an der manche zerbrochen wären. So schwer kann die „Verfehlung“ dann aber doch nicht gewesen sein, denn nach etwas über einem halben Jahr darf er doch wieder auf den Rasen – diesmal, wie vor der Sperre beabsichtigt, mit Motor Zwickau. Zwar geht das Debüt mit einem 0:2 bei Rotation Leipzig (Speth wird für die letzten 27 Minuten eingewechselt) in die Hose, in seinen fünf Jahren in der Trabantstadt bestreitet er mit 121 Oberligaspielen mehr als zuvor zusammen für Halle, Thale und Rostock. Auch holt er 1963 nach, was ihm acht und sechs Jahre zuvor mit Empor nicht gelungen ist: Mit Zwickau triumphiert er im FDGB-Pokal. Beim 3:0 gegen Chemie Zeitz gelingen Speth sogar zwei Tore. Speth erweist sich als regelrechtes Stehaufmännchen.

Als Trainer im UEFA-Cup
Am Ende ist es doch eine halbwegs ausgewogene Karriere, selbst wenn es bei nur zwei Länderspielen (das zweite folgt knapp sechs Jahre nach seinem Debüt in Rostock mit einem 1:1 gegen Polen) bleibt. Als Trainer jedoch zeigt Speth, was tatsächlich in ihm steckt. Mit Wismut Aue gibt er sogar ein Gastspiel im UEFA-Cup. Selbst nach der politischen Wende bleibt er als Vorruheständler weiterhin am Ball und betreut unterklassige Mannschaften, so in Helmbrechts (Bayern), in Plauen (Vogtland) und in Werdau in unmittelbarer Nähe zu seinem langjährigen Wohnort Zwickau, wo Speth 2016 im Alter von 82 Jahren stirbt.

Von Andreas Baingo

Kommentieren