01.06.2020

Scheitern im Schummerlicht

In dieser Woche vor 20 Jahren

Das Drama vom Elfmeterpunkt will kein Ende finden. 18 Schützen sind durch – noch immer steht im Relegationsrückspiel nicht fest, ob der VfL Osnabrück oder der 1. FC Union den Weg in die 2. Liga antreten darf. Drum­herum geht es im ausverkauften Stadion längst etwas unübersichtlich zu. NDR-Kommentator Gerd Gottlob macht eine „sehr freizügige Auslegung hier des Ordnungsdienstes“ aus. Gottlob: „Nicht nur noch Spieler sind auf dem Feld, sondern Polizeibeamte, einige Fans. Also die Ordnung ist so ein wenig dahin.“ Schiedsrichter Jürgen Aust hat aber alles im Griff.

Fast drei Stunden vorher ist Anpfiff, am Himmelfahrtstag im Jahr 2000. Der „Tagesspiegel“ beschreibt die Rahmenbedingungen ab der zweiten Halbzeit wie folgt: „Die schmale Flutlichtanlage an der Bremer Brücke sorgte maximal für schummriges Licht.“ Osnabrück, der Meister der Regionalliga Nord, empfängt Union, den Meister der Regionalliga Nordost (mit 17 Punkten mehr als der Tabellenzweite Dynamo Dresden). Das Hinspiel im Stadion An der Alten Försterei hatte am 28. Mai 1:1 geendet, Union ist also im Nachteil.

Aber nicht lange. Die Gäste gehen in der zwölften Minute durch einen von Jens Härtel direkt verwandelten Freistoß in Führung, Osnabrücks Torwart Uwe Brunn sieht dabei nicht gut aus. Kurz danach hat Steffen Menze die große Gelegenheit zum zweiten Tor, kommt jedoch nicht am diesmal gut reagierenden Brunn vorbei.
Die Gastgeber erspielen sich erste Chancen, beim Ausgleich kurz vor der Pause profitieren sie von mehreren Aussetzern des Gegners. Guido Spork fängt einen schwachen Härtel-Pass ab, stürmt Richtung Tor. Da Daniel Ernemann wegrutscht, kann Spork seinen Teamkollegen Christian Claaßen bedienen, der den Ausgleich macht. 1:1, alles wieder auf Anfang.

In der zweiten Halbzeit nehmen beide Teams Tempo raus. Die Furcht vor dem möglicherweise entscheidenden Gegentor ist größer als das Streben nach der Entscheidung. Levente Bozsik mit einem Kopfball für Union, Wolfgang Schütte und Lars Schiersand für den VfL, viel mehr tut sich bis zum Ende der regulären Spielzeit nicht. In der 114. Minute sieht Ernemann Gelb-Rot, Osnabrücks Matthias Rose muss in der 116. Minute mit Rot vom Feld.
Der eingewechselte Dennis Weiland eröffnet das Elfmeterschießen – er trifft. Michael Zechner nicht, Union ist gleich hinten. Danach sind alle Spieler erfolgreich, Jacek Janiak kann das Spiel für Osnabrück beenden. Doch er schießt den Ball an den Pfosten. Hristo Koilov gleicht aus, 4:4 nach zehn Versuchen. Osnabrück legt danach dreimal erfolgreich vor, Union zieht stets ebenfalls mit Erfolg nach. Als Uwe Hartenberger nicht trifft, ist es an Menze, das irre Relegationsduell für die Gäste zu entscheiden. Aber Brunn hält.

Nun folgen die oben erwähnten Worte des Kommentators. Und es wird direkt im Anschluss noch bunter: Brunn verwandelt, macht sich auf den Weg ins Tor, ein Fan läuft hin und klopft ihm auf die Schulter. Wieder heißt es Torwart gegen Torwart: Unions Kay Wehner scheitert.

8:7 im Elfmeterschießen für den VfL! Brunn ist der Held und Osnabrück kurz nach 23 Uhr aufgestiegen. „Diese Dramaturgie war ja regelrecht unheimlich. Am Ende hat einfach das Glück entschieden“, sagt VfL-Trainer Lothar Gans. „Wir haben ein tolles Spiel geboten und Fußball-Deutschland gut unterhalten. Das muss uns Mut geben, es im zweiten Anlauf zu schaffen“, fordert Unions Präsident Heiner Bertram.

Auch wenn der Abend für die Eisernen bitter endet, ist noch nichts verloren. In einer Dreierrunde mit dem SC Pfullendorf (Zweiter der Regionalliga Süd) und LR Ahlen (Zweiter West/Südwest) gibt es eine weitere Chance. Nach dem 3:1 gegen Pfullendorf reicht Union acht Tage nach dem Drama von Osnabrück in Ahlen ein Remis.
Trotz eher schwacher Leistung gehen die Köpenicker in der 54. Minute durch Koilov in Führung. Nur Sekunden später macht Mario Krohm das 1:1. Dann kommt es zum „Finale Fatale durch Canale“, wie die FuWo titelt. Giuseppe Canale gelingt in der 79. Minute das 2:1 für Ahlen. Wieder nichts, wieder nicht der Aufstieg für Union. Trainer Georgi Wassilev bringt es knapp auf den Punkt: „Es hat zweimal etwas gefehlt.“

Von Sebastian Schlichting

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