27.05.2018

Rettung in letzter Sekunde

In dieser Woche vor 30 Jahren

Die Saison 1987/88 ist gelaufen für den 1. FC Union. Was soll der letzte Spieltag am 28. Mai noch bringen für den Tabellenvorletzten – außer den Abstieg? Nicht allein, dass die Rot-Weißen beim FC Karl-Marx-Stadt gewinnen müssen. Weil die drei davor platzierten Mannschaften, es sind Wismut Aue, der FC Vorwärts Frankfurt (Oder) und der FC Rot-Weiß Erfurt, jeweils einen Punkt mehr auf dem Konto wissen als die Köpenicker, zugleich alle aber als Plus eine deutlich bessere Tordifferenz besitzen, haben es die Männer aus der Wuhlheide ohnehin nicht mehr in der eigenen Hand. Ein Team aus diesem Trio muss unbedingt verlieren, sonst ist sowieso alles mal wieder vorbei.

Zunächst müssen die Unioner ihre Fühler nicht einmal ansatzweise in die anderen Stadien ausstrecken, denn von einem Doppelpunktgewinn sind sie an diesem brütend heißen Nachmittag im Dr. Kurt-Fischer-Stadion zunächst weit entfernt. Weil nämlich Jörg Illing die Sachsen früh in Führung bringt (7.), scheinen die Felle alsbald davonzuschwimmen. Zwar weckt der schnelle Ausgleich durch Olaf Seier (14.) wieder Hoffnung, aber von Entspannung kann keinerlei Rede sein. Doch Karsten Heine, der die Mannschaft erst vor ein paar Wochen von Karl Schäffner übernommen hat, und sein Assistent Gerd Struppert verlieren nicht die Ruhe. Wohl erhält die Zuversicht durch das 1:2 von Nationalspieler Rico Steinmann einen neuerlichen Dämpfer (68.), weil aber die beiden Joker Frank Placzek und Michael Weinrich – der Abwehrmann mit dem Zuspiel, der Angreifer mit seinem ersten Tor im erst zweiten Spiel zum 2:2 (73.) – nur Sekunden nach ihrer Einwechslung für den erneuten Ausgleich sorgen, ist doch wieder die Rettung möglich.


An Geschenke aber ist, auch wenn auf der Bank der Karl-Marx-Städter mit Heinz Werner eine Union-Trainerlegende sitzt und der FCK nicht einmal mehr mit dem Sprung auf einen internationalen Startplatz rechnen kann, trotzdem in keiner Sekunde zu denken. Das müssen die Männer um ihren Kapitän Seier schon selbst hinkriegen. Die Frage jedoch ist: nur wie?

Die Minuten verrinnen, die Sekunden ebenso. Eine letzte Aktion bleibt den Rot-Weißen noch, eine allerletzte. Selbst Mario Maek, der kantige Verteidiger, eilt beim wirklich letzten Frei­stoß in den FCK-Strafraum – und prompt landet der Ball vor seinem Fuß. Der Rest ist Ekstase, denn der Defensivmann schafft tatsächlich das Wunder, den 3:2-Sieg.
Erst jetzt, da sie sozusagen in der Fremde ihre Hausaufgaben erledigt haben, dürfen sie jubeln, denn sie kennen die Stände kurz vor Ultimo in den anderen Stadien doch. Aue hat beim 1. FC Magdeburg 1:0 gewonnen und rettet sich aus eigener Kraft, weil aber sowohl Erfurt (1:3 bei Lokomotive Leipzig) als auch Frankfurt (der FC Vorwärts steigt nach dem 0:1 bei Meister BFC Dynamo ab) verlieren, kennt der Jubel keine Grenzen. Nahezu alle Union-Fans unter den 6800 Zuschauern fluten den Rasen, wollen an diesem historischen Erfolg hautnah teilhaben. Auch für die Spieler ist es ein einzigartiges Erlebnis. „Ich habe in meiner Karriere nicht viele Tore geschossen“, sagt Maek am Ende seiner Laufbahn, „aber eines weiß ich: Es war schon geil, es war die pure Freude.“

Es ist und bleibt ein Tor für die Geschichtsbücher, für ein grandioses Kapitel, das kein Union-Fan vergisst. Legendär zudem ist ein Satz im „Deutschen Sportecho“, der Sport-Tageszeitung der DDR, wo über diese allerletzte Sekunde geschrieben wird: „Da sagte der liebe Gott: Ich bin ein Unioner!“ Das wiederum gefällt nicht jedem. Der mächtige Sportchef Manfred Ewald meldet sich von allerhöchster Stelle und lässt nachfragen, ob der junge Mann, der das geschrieben hat, nicht wisse, dass alle DDR-Bürger Atheisten seien.
Als ob das nach diesem Mirakel noch irgendjemanden, zumal in Köpenick und zudem in Rot und in Weiß, noch interessiert hätte.

Von Robert Klein

Kommentieren

Vermarktung: