17.07.2016

„In Leipzig hast du zwei Vereine: Lok und Chemie“

Die Liste der Vereine, die er trainiert hat, ist lang. Ein Sechstligist war bis Januar noch nicht dabei. Doch dann heuert Fußball-Lehrer Dietmar Demuth (61), dessen Trainerkarriere 1990 beginnt, bei der BSG Chemie Leipzig an. Landesliga Sachsen, die Gegner: SG Taucha 99, VfL Pirna-Copitz 07, SV Einheit Kamenz. Am letzten Spieltag gelingt der BSG Chemie durch einen 3:0-Heimsieg gegen VfB Empor Glauchau der Sprung auf Platz eins. 

Der Aufstieg in die Oberliga Süd ist perfekt. Der bisherige Spitzenreiter Einheit Kamenz spielt nur remis, hat im Vorfeld aber schon signalisiert, auf den Aufstieg zu verzichten. Doch mit dem punktgleichen FC Grimma haben die Leipziger einen hartnäckigen Verfolger im Nacken. Am Ende gewinnt die BSG Chemie die Meisterschaft aufgrund der besseren Tordifferenz. Das Spitzentrio Chemie Leipzig, Einheit Kamenz und FC Grimma beendet die Saison mit jeweils 60 Punkten.

Am Sonnabend war Demuth mit seiner Mannschaft zu Gast beim Blitzturnier des SV Babelsberg, dem Verein, den er von Oktober 2007 bis Mai 2012 trainierte, mit dem er 2010 in die 3. Liga aufstieg und mit dem er zweimal den Klassenerhalt schaffte, ehe er gefeuert wurde. Nach einem kurzen Abstecher zum FC Bergedorf 85 (Hamburg)trainierte er die Regionalligisten Berliner AK und ZFC Meuselwitz, bevor er die BSG Chemie Leipzig übernahm. Kultstatus genießt Demuth noch immer beim FC St. Pauli, weil die Hanseaten unter ihm 2002 den FC Bayern München mit 2:1 besiegten. Seither existiert der Begriff „Weltpokalsiegerbesieger“.

Fußball-Woche: Herr Demuth, Sie wohnen mit Ihrer Familie nach wie vor in Potsdam. Ist die A9 gen Leipzig schon ein Teil Ihres Lebens geworden? 


Dietmar Demuth: „Ach, wenn‘s gut läuft, fahre ich die Strecke entspannt in zwei Stunden. Aber wenn mal ein Lkw umkippt, dann braucht man gute Nerven.“

Und wie haben Sie die Rückrunde in der Landesliga Sachsen erlebt?

Demuth: „Die 6. Liga war für mich Neuland. Da musste ich mich umstellen und viele Abstriche machen. Wir trainieren in der Regel viermal pro Woche abends um 18 Uhr. Meine Spieler arbeiten oder studieren ja alle. “ 

Der 1997 wiedergegründete Verein BSG Chemie Leipzig sieht sich als legitimer Nachfolger des gleichnamigen Arbeitersportvereins, der zu DDR-Zeiten 1951 und 1964 Meister wurde und 1966 den ­FDGB-Pokal gewann. Jetzt meldet sich der Verein mit dem Aufstieg in die Oberliga im überregionalen Fußball zurück. Ist die BSG Chemie Leipzig ein schlafender Riese?

Demuth: „Das kann man so vielleicht nicht sagen. Aber: Als es im letzten Saison­spiel um den Aufstieg ging, kamen 4000 Zuschauer in den Alfred-Kunze-Sportpark. Das Fanpotenzial ist also fraglos vorhanden. Als Sechstligist hatten wir einen Schnitt von 1490 Zuschauern. Das ist sensationell. In Sachen Infrastruktur muss aber noch viel passieren. Da hilft der sportliche Erfolg natürlich weiter.“

Welche Rolle trauen Sie Ihrer Mannschaft in der Oberliga zu?

Demuth: „Wir müssen erst einmal in der Oberliga ankommen. Und im Verein und im Umfeld muss noch vieles wachsen. Mit Germania Halberstadt haben wir einen Konkurrenten, der unter Vollprofibedingungen trainiert. Die wollen unbedingt wieder hoch. Wenn man was will, braucht man Geld. So einfach ist das.“

Was halten Sie eigentlich von der Oberliga?

Demuth: „Irgendwie braucht die Oberliga doch kein Mensch. Da finden Spiele vor 50 Zuschauern statt. Und jetzt ist Lok Leipzig auch noch in die Regionalliga aufgestiegen. Ein großer Traditionsverein mit vielen Fans ist also nicht mehr dabei. Viele freuen sich aber, dass wir jetzt aufgestiegen sind. Zu manchen Spielen bringen wir vielleicht 600 oder sogar noch mehr Zuschauer mit.“

In der Stadt Leipzig ist die Konkurrenz groß ...

Demuth: „In Leipzig hast du zwei Vereine: Lok und Chemie. RB zählt nicht. Da war mal eine große Rasenfläche und dann kamen zwei großer Laster mit Geld und haben alles ausgeschüttet. RB ist jetzt aufgestiegen und spielt Bundesliga. Das ist schön für die Stadt Leipzig. Aber Lok und wir sind auch aufgestiegen.“

In Ihrer nun 26-jährigen Trainerkarriere haben Sie nie so lange am Stück bei einem Verein gearbeitet wie in Babelsberg. Wie steht‘s aktuell um die Nulldreier?

Demuth: „Natürlich verfolge ich die Entwicklung. Babelsberg hat einen großen Aderlass zu verkraften. In der vergangenen Saison hatten sie eine starke Truppe. Ich glaube nicht, dass sie diese Rolle in der neuen Saison noch einmal spielen. Die Regionalliga ist nämlich richtig stark geworden. Lok Leipzig wird Alarm machen, Nordhausen und die Zweite von RB Leipzig auch.“ 

Interview: Ulli Meyer

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