27.06.2020

„Ich habe zu viel auf dem Platz gelassen“

Interview mit Andreas Lambertz

Seinen Status als Düsseldorfer Vereins­ikone hat sich Andreas „Lumpi“ Lambertz (35) redlich verdient: Innerhalb einer Dekade ackerte sich der 1,72 Meter große Mittelfeldspieler als erster Spieler im deutschen Fußball von der damals viertklassigen Oberliga (2003/04), über Regionalliga (2004 bis 2008), eingleisige 3. Liga (2008/09) und 2. Liga (ab 2009/10) bis in die Bundesliga (Aufstieg 2012). Seine insgesamt fünfzehn Jahre bei der Fortuna, die am letzten Spieltag beim 1. FC Union gastiert (Sonnabend, 15.30 Uhr, Alte Försterei), waren lediglich durch drei Jahre bei Dynamo Dresden (2015 bis 18) unterbrochen, anschließend kehrte der zweifache Familienvater im doppelten Sinne zu seinen Wurzeln zurück: Als Führungsspieler bei Fortunas U 23 in der viertklassigen Regionalliga West. Zur neuen Saison wird Lambertz Co-Trainer der U 23.

Fußball-Woche: Herr Lambertz, wie kommt es eigentlich, dass Sie im Juniorenbereich häufiger gewechselt sind, als später bei den Herren?

Andreas Lambertz: „Ich habe bei der SG Orken-Noithausen angefangen, das war so ein Dorfverein. Als ich zwölf Jahre alt war, meinte mein Daddy: ‚Wenn das was werden soll, dann sollten wir mal den Sprung in eine höhere Klasse wagen!‘ Also bin ich zunächst zum TSV Bayer Dormagen und von dort weiter zum TSV Norf. Beide Vereine haben zwar prinzipiell in der gleichen Klasse gespielt, der TSV Norf hatte aber ein besser zusammengestelltes Team mit vielen Auswahlspielern. Danach bin ich zu Borussia Mönchengladbach, dort erlitt ich zwei Knieverletzungen und habe dadurch wenig gespielt. Beim VfR Neuss habe ich nochmal einen Schub bekommen, wurde in die Niederrhein-Auswahl berufen. Das lockte Interessenten wie Fortuna Düsseldorf und den MSV Duisburg, ich habe mich dann für Fortuna entschieden – dort war ich dann ja etwas länger.“

Am 31. Mai hätte am Flinger Broich im Paul-Janes-Stadion Ihr gemeinsames Abschiedsspiel mit Axel Bellinghausen und Jens Langeneke steigen sollen, das coronabedingt abgesagt wurde.

Lambertz: „Da hatte sich schon ein Riesenkomitee gebildet, viele Leute haben sich eingebracht und richtig Gas gegeben. Einige prominente Spieler wären auch dabei gewesen. Wann wir das nachholen können, wissen wir leider noch nicht.“

Für Sie ist definitiv Schluss nach dieser Saison?
Lambertz: „Ich habe schon im letzten Jahr kaum gespielt, war eher so ein Stand-by-Backup und meistens zweiter Co-Trainer. In diese Richtung wird es jetzt auch gehen. Körperlich ging es einfach nicht mehr, ich habe zu viel auf dem Platz gelassen. Letzte Woche habe ich nochmal mit trainiert, weil einer der Jungs gefehlt hat. Das ging auch noch alles, aber auf dem großen Feld bin ich einfach keine Hilfe mehr.“

Wollten Sie schon immer Trainer werden?

Lambertz: „Das hat sich allmählich entwickelt, bei der U 23 bin ich fast zwangsläufig in diese Position reingewachsen. Die Zeit in Dresden war ebenfalls hilfreich, denn auch dort hatten wir eine relativ junge Truppe. Jetzt war ich zwar noch ein Teil der Mannschaft, aber auch viel im Trainerbüro, also eine Art Bindeglied. Es macht mir jedenfalls unheimlich viel Spaß, den Jungs etwas mit auf den Weg zu geben, etwas von dem zu teilen, was ich erlebt habe, und es ist schön zu sehen, wenn davon etwas ankommt.“

Wie eng ist der Kontakt zur 1. Mannschaft und zum Cheftrainer Uwe Rösler?

Lambertz: „Vor Corona hat die U 23 relativ spät trainiert. Viele Jungs machen eine Lehre, arbeiten oder gehen noch zur Schule. Wenn die Profis um 15 Uhr trainiert haben, bin ich manchmal runter, um zu quatschen oder einen Kaffee zu trinken. Ich kenne ja noch einige der aktiven Spieler, Uwe Rösler habe ich erst jetzt kennengelernt, auch mit Friedhelm Funkel hatte ich nie das Vergnügen. Aber Axel Bellinghausen ist ja auch Co-Trainer bei den Profis, von daher gab es immer einen guten Austausch.“

Was macht Ihnen Hoffnung, dass der Klassenerhalt gelingt?

Lambertz: „Wir haben viele Punkte verschenkt, wie in Köln beim 2:2, als wir bis zur 88. Minute 2:0 geführt haben, gegen Hoffenheim haben wir gegen zehn Mann gespielt, trotzdem nur 2:2, beim 0:0 gegen den SC Paderborn treffen wir viermal Aluminium. Wir haben eine Mannschaft, die durchaus in der Lage ist, große Teams gut zu bespielen. Wenn ich uns mit Mannschaften wie Hertha, Köln oder Hoffenheim vergleiche, die einen vielfach höheren Etat haben, dann macht mir das große Hoffnung, dass wir das Ding am Ende durchziehen.“

Gut möglich, dass Fortuna Düsseldorf in der Relegation nachsitzen muss. Wie schätzen Sie die Chancen ein, sich gegen den Zweitligisten durchzusetzen?

Lambertz: „Kommt darauf an, wer am Ende des Tages der Gegner wäre. Wenn wir auf Stuttgart oder den HSV treffen, könnte es ein Spiel auf Augenhöhe sein. Ich denke, wir spielen einen guten Ball und könnten da bestehen. Sollte es Heidenheim werden, wäre der Klassenunterschied größer und das Spiel hätte vermutlich eher Pokal-Charakter. Aber am Ende ist es egal, wer es wird – wenn man die Chance bekommt, muss man sie nutzen!“

Was gab 2012 gegen Hertha den Ausschlag für den Zweitligisten Düsseldorf?

Lambertz: „Schon in Berlin hatten wir ein sehr ordentliches Spiel abgeliefert. Hertha hatte zwar mehr Ballbesitz, aber wir haben gut verteidigt und immer wieder Nadelstiche gesetzt. Durch das Eigentor war es auch ein bisschen glücklich, aber der Sieg gab uns natürlich Auftrieb. Und beim Rückspiel hatte ich den Ball noch nicht einmal berührt, da stand es schon 1:0 für uns – optimal für unser Selbstbewusstsein.“

Für den 1. FC Union geht es um nichts mehr. Was für ein Spiel erwarten Sie am Sonnabend?

Lambertz: „Das wird ein Spiel auf Augenhöhe. Das Hinspiel konnten wir knapp gewinnen, auch diesmal ist alles möglich.“

Interview: Alex Heinen

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