10.05.2020

Großer Abschied in Maracana

In dieser Woche vor 30 Jahren

Es ist ziemlich unwirklich, was mit der DDR-Nationalelf im Frühjahr 1990, ein halbes Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer, passiert. Nachdem sie nur sechs Tage nach der Grenzöffnung ihre WM-Chance mit einem 0:3 in Wien gegen Österreich vergibt, trumpft sie in der Zeit des Aufbruchs in Deutschlands Osten groß auf. Innerhalb von vier Wochen weist sie in Berlin WM-Teilnehmer USA mit einem 3:2 in die Schranken, bezwingt in Karl-Marx-Stadt Ägypten mit 2:0 und hat auch im heißen Hampden-Park in Glasgow gegen Schottland mit 1:0 das bessere Ende für sich.

Als zumindest emotionaler Höhepunkt steigt am 13. Mai jedoch ein Match, das die Männer um Trainer Eduard Geyer nie und nimmer für sich entscheiden können, in dem sie dem eigentlich schon vor dem Anpfiff feststehenden Sieger lediglich applaudieren können: Brasilien, der dreimalige Weltmeister, empfängt im legendären Maracana. Die Namen der Selecao-Stars stehen für höchste spielerische Qualität. Um nur einige zu nennen: Taffarel hütet das Tor, Jorginho und Mozer gehören zum Abwehrverbund, Branco, Alemao und Dunga sorgen im Mittelfeld für Kreativität, Bebeto und Careca wirbeln im Angriff.

Über den Sieger lassen die 80.000 Zuschauer erst gar keine Fragen aufkommen. Die bisherigen drei Vergleiche gingen schließlich alle an die Zauberer vom Zuckerhut. Bei der WM-Zwischenrunde 1974 gewannen sie in Hannover 1:0, 1982 in Natal 3:1 und 1986 in Goiania 3:0. Dass es allein bis 120 Sekunden vor dem Seitenwechsel dauert, ehe Alemao die Gastgeber mit 1:0 in Führung bringt, scheint niemanden in der größten Arena des Landes zu stören. Mit der Halbzeitführung ist der Grundstein für den Sieg gelegt, so der allgemeine Tenor. Allerdings haben sowohl die Anhänger als auch die Spieler der Südamerikaner die Rechnung ohne den ehrgeizigen und durchaus gleichwertigen Gegner aus einem untergehenden Land gemacht.

Am Ende können beide Teams, das eine aus bitterer Enttäuschung, das andere aus purem Überschwang, das 3:3 kaum fassen. Das kommt so zustande: Thomas Doll gleicht zwar unmittelbar nach Wiederbeginn aus (1:1/48.), dann zieht die Selecao durch einen Doppelpack von Careca (56.) und Dunga (59.) allerdings auf 3:1 davon und ist sich seiner Sache sicher. Das 2:3 (68.) durch Rainer Ernst zählt eher als weiterer Schönheitsfehler, das 3:3 in letzter Sekunde durch Rico Steinmann aber trifft den WM-Favoriten für die Endrunde im Sommer in Italien ziemlich unvorbereitet.

Irgendwie ist dieser Auftritt im Maracana ein Signal an die Welt, zumindest an Europa. Eine Mannschaft, die es bald nicht mehr geben wird, knallt dem übermächtigen Favoriten drei Dinger in die Kiste und holt einen Achtungserfolg. Spätestens mit diesem 3:3 merken selbst diejenigen, die dem DDR-Fußball lediglich Zweitklassigkeit vorgeworfen haben, dass in diesen Männern doch viel mehr steckt als sture Taktik gepaart mit exzellenter Physis.

Es ist jedoch auch ein Abschied, noch nicht für das Team insgesamt, aber für die meisten seiner Akteure. 13 setzt Eduard Geyer ein, für deren zehn ist es das letzte Match für die Auswahl der DDR, für sieben das ohnehin letzte Länderspiel. Für Torhüter Perry Bräutigam, die Verteidiger Matthias Lindner und Hendrik Herzog, die Mittelfeldspieler Rainer Ernst, Ralf Hauptmann, Rico Steinmann und Uwe Weidemann gibt es kein A-Spiel mehr in ihrer Karriere. Dass Heiko Peschke, Stefan Böger und Uwe Rösler von Eduard Geyer noch einmal eingesetzt werden, ist da noch kein Thema. Allein Ulf Kirsten, Thomas Doll und Dirk Schuster setzen ihre Auswahlkarriere im Team des DFB fort, Kirsten lässt 51 Länderspiele folgen, Doll 18 und Schuster 3.

In der Bundesliga aber machen sie alle auf sich aufmerksam. Sie werden Meister (Ernst mit dem 1. FC Kaiserslautern), Pokalsieger (Kirsten mit Bayer Leverkusen, Herzog mit dem VfB Stuttgart) und machen sich wie Doll beim Hamburger SV sowie Hauptmann und Steinmann beim 1. FC Köln einen klangvollen Namen. Zusammen kommen diese 13 Akteure auf 1751 Spiele in der Bundesliga. Doll (Borussia Dortmund, Hannover 96), Schuster (Darmstadt 98) und Rösler (aktuell Fortuna Düsseldorf) schaffen es immerhin als Cheftrainer in Deutschlands Eliteliga. Schließlich kommt sogar Trainer Eduard Geyer, wenn auch über große Umwege, dort an. Ohne den „Schleifer“ hätte es Energie Cottbus in der Bundesliga wahrscheinlich nie gegeben.

Von Andreas Baingo

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