04.07.2020

Führungs-Krach im DDR-Fußball

In dieser Woche vor 70 Jahren

Namen hat es viele gegeben für diesen Verband, der im Osten Deutschlands für den Fußball zuständig war: Deutscher Sportausschuss; Fachausschuss Fußball; Sektion Fußball; Deutscher Fußball-Verband. Doch Namen sind Schall und Rauch. Wichtig ist, was unter dem Dachverband passiert, wie sich der Sport entwickelt und welche Erfolge er feiern kann.

Damit ist es in den ersten neun Monaten nach Gründung der DDR verständlicherweise nicht weit her. ZSG Horch Zwickau ist zwar erster Titelträger der Oberliga und damit Premierenmeister in der DDR, doch weil die als DS-Liga (Deutscher Sportausschuss) gestartete Spielklasse nur mit viel Geholper und teils Gepolter durch die Saison gebracht wird, gibt es den ersten Führungs-Krach. Der erste Pokalsieger, auch das gehört zu den Kuriositäten deutscher Sportgeschichte Ost, wird sogar lange vor Gründung der obersten Spielklasse gekürt. Am 28. August 1949 (!), die DDR gibt es noch gar nicht, setzt sich die BSG Waggonbau Dessau im Kurt-Wabbel-Stadion von Halle mit 1:0 gegen die BSG Gera Süd durch. Als erster Torschütze geht Franz Kusmierek, der eine Viertelstunde vor Spielende den einzigen Treffer erzielt, in die Historie des Wettbewerbs ein. Das ist dadurch zu erklären, dass sich der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), der dem Pokalwettbewerb seinen Namen gibt, und die Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) als DS-Gründer verstehen. Beide hat es schon vor dem 7. Oktober 1949, dem Gründungsdatum der DDR, gegeben. Für die FDJ unterzeichnet der damalige Vorsitzende die Gründungsurkunde. Sein Name: Erich Honecker.

Was aber auffällig ist am DS: Eine Verbandsstruktur ist nicht immer zu erkennen, zumal eine geradlinige. Am deutlichsten wird das mit der noch nach Abschluss der Saison gekippten Abstiegsregelung, als es nicht wie vorgesehen drei, sondern nur zwei Absteiger gibt. Die Funktionäre sind von allerlei Sorgen, fünf Jahre nach Ende des II. Weltkrieges und im Angesicht der Teilung Deutschlands zumeist politischen, getrieben. Dazu kommt, dass die Sportführung die Weisungen der sowjetischen Besatzungsmacht ohne Wenn und Aber durchsetzen möchte und dabei nicht immer das rechte Maß findet. Außerdem ist durch den Deutschen Sportausschuss nicht allein der Fußball vertreten. Der DS bildet auch das Dach für Handballer, Leicht- und Schwerathleten, Schwimmer, Turner und Radsportler.

Allerdings kommt Kritik am Deutschen Sportausschuss bereits Anfang des Jahres aus einer subtilen Ecke, sozusagen aus der eigenen. Die Funktionäre würden nicht genügend ideologische Arbeit leisten, über die offenen Grenzen gingen zu viele Spieler in den Westen und vor allem in Berlin, wo der Vier-Mächte-Status einen Eingriff ohnehin verbietet und weshalb die DS-Liga zu Beginn ohne Team aus der Hauptstadt an den Start geht, sei die Verbandelung an den kommenden Klassenfeind viel zu eng.

Deshalb wird der Fußball, auch um ihn besser kontrollieren zu können, am 3. Juli 1950 zwar nicht völlig aus dem Konglomerat Deutscher Sportausschuss losgelöst, aber er wird als Fachausschuss Fußball halbwegs selbstständig. Sein erster Vorsitzender ist mit Fritz Gödicke zudem ein ziemlich namhafter Fußballer und Trainer.
Mit dieser Neugründung wittern die Ideologen ihre Chance und nutzen sie in erster Linie zur Umbenennung der meisten Vereine. Wer die Abschlusstabelle der im April 1950 zu Ende gegangenen ersten Saison betrachtet und danach das Starterfeld der am 3. September beginnenden zweiten Spielzeit, findet sich kaum noch zurecht. Es gibt einerseits gleich sieben (!) Aufsteiger und von den verbliebenen elf Mannschaften haben etliche einen anderen Namen. So heißt Titelverteidiger Horch Zwickau, ein Jahr zuvor aus dem ersten Ostzonenmeister SG Planitz hervorgegangen, jetzt Motor, ebenso wie Dessau, das soeben noch Waggonbau als „Vornamen“ trug. Aus Industrie Leipzig wird Chemie, aus Union Halle, gerade noch als Freiimfelde zweiter Ostzonenmeister, wird Turbine, aus Franz Mehring Marga wird Aktivist Brieske Ost und aus Einheit Meerane wird Fortschritt. In Dresden wiederum ist es ganz anders. Der aufgelöste Vizemeister SG Dresden-Friedrichstadt wird durch die Mannschaft der Dresdner Volkspolizei ersetzt, die mit Günter „Moppel“ Schröter einen Angreifer in ihren Reihen hat, der gleich in der ersten Saison mit 32 Treffern für Furore sorgt und als Kapitän der späteren DDR-Nationalelf zur Legende wird.
Dass der neue Fachausschuss Fußball, aus dem nur ein halbes Jahr später die Sektion Fußball wird, seine Lektion gelernt hat, findet auch international größte Anerkennung. Nur vier Jahre später nämlich, am 15. Juni 1954, gehört der DDR-Verband in Basel zu den 29 Gründern des europäischen Fußballverbandes Uefa.

Von Robert Klein

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