27.09.2019

Engelhardt unter Flutlicht

In dieser Woche vor 30 Jahren

Ende September 1989, ein Freitag. Die ARD-Tagesschau widmet sich ausführlich der Nicht-Zulassung der Bürgerbewegung „Neues Forum“ durch das DDR-Innenministerium und den Forderungen nach Reformen des ehemaligen Spionagechefs Markus Wolf. Einige Wochen später wird die Berliner Mauer geöffnet.

Doch noch ist dieses Szenario ganz weit weg. In West-Berlin läuft das Oktoberfest neben der Eissporthalle an der Jafféstraße. Ein paar Meter weiter wird beim Oberligaspiel SC Charlottenburg gegen Tennis Borussia im Mommsenstadion das neue Flutlicht eingeweiht.

Der Eintritt ist frei – dank des finanziellen Engagements beispielsweise der Engelhardt-Brauerei, der Schausteller des Oktoberfests und des Restaurants „Bierpinsel“. Die Kapelle der BVG tritt auf, im Vorspiel gewinnt die Hans-Rosenthal-Elf 5:3 gegen das Team „Tag der Offenen Tür“ (bekannt durch das damals äußerst beliebte Scheckheft), Schauspielerin Brigitte Grothum (u.a. „Drei Damen vom Grill“) fährt zum Anstoß in einem Auto von Opel Hetzer vor.
4000 Zuschauer kommen (der Schnitt aller Vereine in der Saison wird am Ende bei knapp 275 liegen), um den bis zu diesem Zeitpunkt ungeschlagenen SCC (auf Tabellenplatz zwei liegend) und TeBe (Platz vier) zu sehen. Und die Premiere des für 3,8 Millionen D-Mark errichteten Flutlichts zu erleben. Sie werden nicht enttäuscht. Das Spiel ist äußerst unterhaltsam und nimmt einen höchst kuriosen Verlauf.

Sven Prinz und Jochen Müller mit einem verwandelten Foulelfmeter sorgen für die verdiente 2:0-Führung der Gastgeber, die diese kurz vor der Pause sogar hätten ausbauen können. Tun sie aber nicht – und TeBe schlägt imposant zurück. Bis zur 60. Minute soll die Führung des SCC halten, dann geht es los: Bernd Henklein und Mario Brandt gleichen binnen einer Minute aus.

Der SCC, der wie TeBe nach der Pause zwei Zeitstrafen kassiert, verteidigt das Unentschieden noch eine Weile, bricht aber am Ende völlig ein. Zwischen der 74. und 89. treffen Arne Sandstoe, wieder Brandt, Lars Knobel, Dieter Lutosch und erneut Henklein zum 7:2 für die „Gäste“, die ihre Heimspiele auch im Mommsenstadion austragen. Die Fußball-Woche ist sich sicher: „TeBe war wie im Rausch. Die zweite Halbzeit wird in die Annalen der Oberliga eingehen!“

TeBe-Trainer Bernd „Hutzi“ Erdmann freut sich natürlich diebisch: „In der Pause habe ich meine Mannen noch einmal angestachelt. Sie kamen wie verwandelt aus der Kabine. Ein Klassespiel eigentlich beider Mannschaften. Die neun Tore sprechen für sich.“ Weniger euphorisch sieht Claudio Offenberg, Erdmanns Trainerkollege vom SCC, das Ganze. Er trauert vor allem den vergebenen Gelegenheiten zum 3:0 hinterher und sagt: „TeBe war nach der Pause cleverer. Der Sieg ist allerdings viel zu hoch ausgefallen.“

Was aufgrund des Spektakels auf dem Rasen fast ein wenig in den Hintergrund rückt: Das Flutlicht feiert einen perfekten Einstand „mit farbfernseh-gerechten Lichtverhältnissen“ (FuWo). Das ist eine erfreuliche Feststellung angesichts des Zustands eines anderen großen Stadions in der Stadt. Denn das Poststadion gammelt zu dieser Zeit längst vor sich hin.

Im Mommsenstadion wird es später einige Abendspiele geben, die sehr lange in Erinnerung bleiben. Erinnert sei nur an die Auftritte der Amateure von Hertha BSC Ende 1992 im DFB-Pokal gegen Titelverteidiger Hannover 96 (4:3 nach 0:2) und den Bundesligisten 1. FC Nürnberg (2:1, Siegtor durch Daniel Lehmann in der 89. Minute) sowie den Zweitliga-Aufstieg von TeBe gegen die Sportfreunde Siegen am 6. Juni 1998 (einem Samstagabend), als Torwart Goran Curko beim 2:0-Sieg einen Elfmeter zur Führung verwandelt.

Von Sebastian Schlichting

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