13.10.2019

Elfmeterheld Tillich

In dieser Woche vor 60 Jahren

Sonnabendnachmittag, 16 Uhr. Berlin tritt im Länderpokal gegen Westfalen an. Diese Ansetzung ist Teil eins des attraktiven Doppelpacks an der Plumpe am zweiten Oktober-Wochenende 1959. Im Tor steht Wolfgang Tillich von Hertha BSC. In der zweiten Halbzeit bekommt Berlin einen Elfmeter zugesprochen. Der 19 Jahre alte Tillich übernimmt die für einen Torwart ungewöhnliche Aufgabe und trifft zum 1:2. Am Ende verliert Berlin 1:3.

Weiter geht es an der Plumpe Sonntagnachmittag um 15 Uhr. Tabellenführer Hertha BSC tritt in der Vertragsliga gegen Wacker 04 an. Im Tor steht erneut Wolfgang Tillich. In der zweiten Halbzeit bekommen die Gastgeber einen Elfmeter zugesprochen. Tillich führt aus – und verschießt diesmal. Der Fehlschuss fällt nicht ins Gewicht, weil Hertha zu diesem Zeitpunkt 4:1 führt. Das Endergebnis lautet 4:2.

In der Zuschauergunst liegt Hertha mit 8000 Zahlenden klar vor dem Länderpokal. Die dortige Kulisse hinterlässt die FuWo ratlos: „Länderpokal, der Tag der Fußball-Amateure und bei schönstem Oktoberwetter nur rund fünfeinhalbtausend Zuschauer.“ Manch Berliner Fußball-Freund hat wohl mit Blick auf die Geldbörse entschieden, nur zu einem Spiel zu gehen und Hertha gegen Wacker den Zuschlag gegeben.
Dabei hat der Amateur-Länderpokal eine lange Tradition. Einer seiner Vorläufer wird schon ab 1908 als Kronprinzenpokal ausgespielt. Später gibt es den Bundes- und Reichsbundpokal. Von 1922 bis 1934 existiert zudem der alle vier Jahre stattfindende Kampfspielpokal. 1949/50 trägt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erstmals den Länderpokal aus, das Finale zwischen Bayern und Südwest (2:0) sehen in Stuttgart 89.000 Besucher. Zum einzigen Mal dürfen in dieser Saison Vertragsspieler mitwirken. Der Südwesten beispielsweise setzt unter anderem die Walter-Brüder, Werner Kohlmeyer und Werner Liebrich ein. Ein Jahr danach, nun schon mit dem Zusatz „Amateur“ im Namen des Wettbewerbs, erreicht Berlin das Endspiel, verliert 4:5 nach Verlängerung gegen Niederrhein.

Berlin gegen Westfalen, diese Ansetzung gibt es in den 50ern oft – sowohl im Länderpokal als auch in Freundschaft. Letzteres rechnet die FuWo den Gästen in der für West-Berlin politisch schwierigen Zeit hoch an. Es gebe eine enge Verbundenheit: „Allein die Tatsache, dass sie mit den Berlinern einen ständigen Freundschaftsspielverkehr aufrechterhalten, beweist den Kontakt.“

Auf dem Rasen hat Berlin nichts zu bestellen. Die 1:3-Niederlage 1959 ist die fünfte im fünften Anlauf. Und das, obwohl Westfalen wegen der Amateur-Regelung im Wettbewerb nur Akteure aus der dritthöchsten Spielklasse aufbieten kann. Aber auch dieses Aufgebot kann sich sehen lassen. Genannt seien der frühere Nationalspieler Herbert Schäfer (Sportfreunde Siegen) und Willi Schulz, der im Laufe seiner Karriere für den FC Schalke 04 und den Hamburger SV auflaufen und an drei Weltmeisterschaften teilnehmen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist der 21-Jährige noch bei Union Günnigfeld. Die FuWo nennt ihn in Anlehnung an den 54er-Weltmeister „Eckel der Zweite“. Sein späterer Spitzname lautet „World-­Cup-Willi“.

Bis zu Weltmeisterschaften schafft es Torwart Wolfgang Tillich, dessen Laufbahn in der Jugend bei Blau-Weiß 90 begann, nicht. Er kommt aber zu Einsätzen in der Nationalmannschaft der Amateure und als Profi bei Hertha BSC in der Bundesliga. Als Elfmeterschütze wie beim Plumpe-Doppelpack 1959 tritt er dort nicht mehr in Erscheinung, dafür als Elfmetertöter. Die ersten beiden gehaltenen Strafstöße in Herthas Bundesligahistorie gehen beide auf das Konto von Tillich: gegen Arnold „Pico“ Schütz in der Partie bei Werder Bremen (9. November 1963 – Endstand 2:2) und Reinhold Wosab von Borussia Dortmund (7. März 1964 – 0:0).

Von Sebastian Schlichting

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