10.06.2018

Eiserner Triumph für die Ewigkeit

In dieser Woche vor 50 Jahren

Es ist mittlerweile ein beliebtes Spielchen geworden zu fragen: Wo warst du, als das und das passiert ist? Das fragt niemand, um zu erfahren, was man am Tag eines Allerweltspiels getrieben hat. Das weiß ohnehin kaum jemand.
Aber für einmalige Momente ist das durchaus sinnvoll. Wie für den 9. Juni 1968, von dem jeder (zumindest von den Älteren), der auch nur ein ganz klein wenig auf den 1. FC Union steht, wie aus der Pistole sagen kann, was er getan hat, als Werner Krauß nach nur wenigen Sekunden den FC Carl Zeiss Jena in Führung bringt, Meinhard Uentz mit einem Elfmeter ausgleicht (29.) und Ralf Quest den krassen Außenseiter mit seinem 2:1 (63.) zum Erfolg schießt. 

Diese Torfolge mit diesen Torschützen ist einmalig und irgendwie ist es so, dass jeder Fan der Köpenicker natürlich weiß: Es ist der Sieg im Endspiel des FDGB-Pokals 1968. Es ist der eiserne Triumph für die Ewigkeit. Denn dieser Erfolg ist auch 50 Jahre danach noch der einzige große Titel, den der 1. FC Union gewonnen hat.


Es ist tatsächlich der Tag, von dem die damaligen Anhänger auch heute noch wissen, was sie getan haben. Ob sie zu den mehr als 1000 eisernen Fans gehört haben, die mit Autos und einem Sonderzug nach Halle an der Saale gereist sind, um sich im Kurt-Wabbel-Stadion auf eine kräftige Abreibung gegen die schon als Meister feststehenden Thüringer gefasst zu machen, ob sie das Spiel live im Rundfunk verfolgt haben oder im Fernsehen. Oder ob sie sich nicht einmal das trauten, weil sie tatsächlich mit einer Niederlage ihrer Lieblinge rechnen mussten. Vielleicht erinnern sich etliche aber auch deshalb ganz genau an diesen Sonnabend, weil diese 90 Minuten den Anstoß dafür gegeben haben, sich als Rot-Weißer zu bekennen. Viele sind spontan Union-Mitglied geworden und noch viel mehr Union-Fan.
Um das Spiel des frischgebackenen Meisters aus Jena, der als erste Mannschaft in der DDR das Double packen will, und um die eher als Gäste zu einer Carl-Zeiss-Party gekommenen Männer aus Köpenick ranken sich wahrhaft schöne, wirklich einmalige und etliche heute nicht mehr mögliche Geschichten.

Da ist erst einmal die, dass Werner Schwenzfeier, der Trainer, ein wahres Schlitzohr ist, dass die Spieler, angefangen von Torhüter Rainer Ignaczak über Abwehrchef Wolfgang Wruck, Hartmut Felsch, Kapitän Ulrich Prüfke, Benjamin Hajo Betke, den torgefährlichen Uentz bis zu Wirbelwind Günter „Jimmy“ Hoge füreinander regelrecht durchs Feuer gehen und vor den gegnerischen Stars (Roland Ducke ist der größte, wird aber durch das Laufwunder Betke aus dem Spiel genommen; sein Bruder Peter vielleicht noch der größere, nur wird er erst eingewechselt, reißt das Ruder aber auch nicht mehr herum) nicht einmal mit der Wimper zucken. Dazu kommt die, dass „Schwenne“ einen Spieler ausfindig gemacht hat, der drei Wochen zuvor in der zweitklassigen DDR-Liga für Energie Cottbus ein Tor gegen Vorwärts Stralsund erzielt, im Finale aber – niemand aus Jena hat ihn auf der Rechnung, nicht einmal der stramme Erfolgstrainer Georg Buschner – für die Rot-Weißen aufläuft, im defensiven Mittelfeld mit seiner Pferdelunge die Kreise des spielstarken Gegners stört und schier nicht kleinzukriegen ist. Sein Name: Reinhard Lauck. Seine späteren Erfolge (wenn auch nicht mehr für den 1. FC Union) nach diesem Spektakel-Sieg: WM-Teilnehmer 1974, Olympiasieger 1976 und DDR-Meister mit dem BFC Dynamo.

Natürlich fängt dieses Finale so an, wie so ein Spiel für einen Neuankömmling, der erst drei Tage vor dem Endspiel ins Trainingslager nach Bad Saarow kommt und erst 24 Stunden vorm Anpfiff die Spielgenehmigung erhält, saublöder nicht anfangen kann: Er verstellt beim ersten Torschuss des Gegners dem eigenen Torhüter die Sicht – drin ist das Ding. „Ich dachte nur: Geht das schon wieder los?“, erinnert sich Ignaczak an diese ersten Sekunden, „um Punkte hatten wir von Jena mal fünf Dinger kassiert und die waren ja schon Meister und dazu hochmotiviert. Ist das schon wieder Halli-Galli?“

Ist es nicht, sondern die größte Stunde des erst zweieinhalb Jahre zuvor gegründeten 1. FC Union. Das Schönste daran aber ist, dass der Sieg, so überraschend er letztlich auch ist, keineswegs zufällig daherkommt. „Von unserer spielerischen Leistung waren die Jenenser sichtlich überrascht“, stellt Kapitän Prüfke fest, für Trainer Schwenzfeier deutet sich der Triumph beizeiten an: „Wir beherrschten den Meister schon vor der Pause mit den besseren spielerischen Mitteln und danach blieben wir durch unsere typischen Konterschläge immer gefährlich.“
Kaum ist die Mannschaft mit der verflucht schweren Trophäe, auf deren gewaltigem Sockel drei Fußballspieler stehen, in Berlin, geht es nach kurzem Schlaf zum Empfang ins Rote Rathaus. Oberbürgermeister Herbert Fechner überreicht den Spielern Plaketten aus Meißner Porzellan mit der Abbildung des Roten Rathauses, außerdem tragen sie sich ins Ehrenbuch des Magistrats ein.

Die größere Überraschung aber hebt sich Fechner bis zum Schluss auf. Als das feierliche Prozedere nämlich beendet ist, bittet der Oberbürgermeister die Helden ans Fenster, vor das ein nagelneuer Reisebus vorgefahren worden war und mit dem Schriftzug 1. FC Union als neuer Mannschaftbus der Eisernen zu erkennen ist.

Von Robert Klein

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