01.08.2020

Drei große Fusionen und Namenswechsel

In Lichterfelde spielte der Nachwuchs stets eine herausragende Rolle

Lassen wir zunächst Zahlen sprechen. 2011/12 schickte der Lichterfelder FC Berlin 1892 53 Mannschaften in den Spielbetrieb. 900 der 1200 Mitglieder waren Jugendliche – bundesweit herausragende Werte. In Sachen Nachwuchspflege schlug keiner zwischen Kap Arkona und Garmisch-Partenkirchen den LFC, der im Juli 2013 gemeinsam mit dem BFC Viktoria 1889 im FC Viktoria 1889 Berlin aufging.

Im selben Spieljahr 2011/12 musste die Klubführung des LFC jedoch den Etat der in der NOFV-Oberliga Nord spielenden ersten Herren um 15 Prozent zurückfahren. Denn auch das war der LFC Berlin: der Verein mit den wenigsten Zuschauern in der Oberliga Nord. Um es positiv zu formulieren: zum LFC ging man nicht, für den LFC spielte man.

Bleiben wir noch ein bisschen bei den Zahlen, denn unter dem Begriff Lichterfelder FC Berlin 1892 verbergen sich mehrere Klubs und Klubnamen, die seit 1892 geläufig waren. Dabei den Überblick zu bewahren, gelingt nicht einmal ausgewiesenen Historikern. Ohne sich im Detail zu verlieren, gilt es, drei Eckpfeiler des Klubs zu markieren: den bis ins Jahr 1892 zurückgehenden FV Brandenburg Berlin, den aus dem Jahr 1912 stammenden FC Lichterfelde und die 1951 gebildete Lichterfelder Sport-­Union. FV Brandenburg 1892 und FC Lichterfelde 1912 bündelten bereits 1971 die Kräfte zum FV Brandenburg-Lichterfelde Berlin, kurz „BraLi“ genannt. Der wiederum vereinte sich 1988 mit der Lichterfelder SU zum VfB Lichterfelde, der seit 2004 den Namen LFC Berlin trug.

Und damit hinein in die Geschichte der Rot-Weißen aus dem Steglitz-Zehlendorfer Ortsteil Lichterfelde. Die von Schülern des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums gegründete Urzelle FV Brandenburg 92 zählte unmittelbar nach der Jahrhundert­wende zu den erfolgreicheren Pionierklubs in Berlin und trat von 1900 bis 1902 für zwei Jahre in der höchsten Spielklasse an den Ball. Die Namensgebung war eine Reminiszenz an die Mark Brandenburg, zu der das Dorf Lichterfelde einst gehörte. Seit 1920 ist Lichterfelde Teil von Groß-­Berlin. 1924/25 noch einmal ins Oberhaus aufgerückt, verschwand der an der Goe­thestraße spielende Klub alsdann in der Versenkung unterer Spielklassen.

Fusionspartner FC Lichterfelde 12 erreichte derweil erst nach dem Zweiten Weltkrieg höhere Spielklassen und verbrachte weite Teile der 1950er Jahre in der obersten Amateurliga Berlins, ohne dort jedoch über Mittelfeldpositionen hinauszukommen. Größter Tag war ein epischer Pokalfight gegen den SC Union 06 im Jahr 1952, den Lichterfelde vor 3000 Zuschauern unglücklich mit 2:3 verlor. Der 1971 gebildete FV Brandenburg-Lichterfelde verdankte seine Versetzung in die höchste Amateurklasse der geteilten Hauptstadt 1978 dem Aufstieg von Wacker 04 in die 2. Bundesliga, durch den die Elf um Trainer Börst auch als Dritter noch aufrücken durfte. Im zweiten Jahr wieder abgestiegen, stürzten die Rot-Schwarzen anschließend bis in die Kreisliga A ab, kehrten aber schon 1986/87 unter Trainer „Sohni“ Karnowski für ein weiteres Jahr in die Amateur-Oberliga Berlin zurück.
Eine etwas aufregendere Vergangenheit brachte die Lichterfelder SU ein. Erst 1951 gegründet, avancierten die zunächst auf dem ehemaligen Exerzierplatz der Gardeschützenkaserne kickenden Rot-Weißen in den 1960er Jahren unter Trainer Herbert Rudershausen zum Shootingstar im Süd-Berliner Amateurfußball und erreichten bereits 1962 das Amateuroberhaus. Nebenbei hatte das fast ausnahmslos aus eigenen Nachwuchskräften bestehende Team um Torjäger Wilfried Erdmann und Spielmacher Bernd „Huzzi“ Erdmann im Pokal für Furore gesorgt und mit Viktoria 89 sowie dem Spandauer BC zwei „Große“ ausgeschaltet, ehe im Viertelfinale vor 1200 Zuschauern auf dem berüchtigten Aschenplatz an der Herderstraße das unglückliche Aus gegen Minerva 93 (1:2) gekommen war.

Nur knapp die Qualifikation zur 1963 gebildeten Regionalliga verpassend, rückte die 30 Jahre lang von Bruno Borchert angeführte LSU schließlich 1965 im Zuge einer Erweiterung in den Bundesligaunterbau auf und mischte unter Rudershausen-Nachfolger Heinz Höche immerhin zwei Spielzeiten lang im Konzert der Berliner Fußballgrößen mit, wobei sie mit „Funkturm“ Uwe Kliemann eine Bundesligalegende hervorbrachte.

Schon damals war der Zuschauerzuspruch mit rund 600 pro Begegnung nicht zufriedenstellend. Für den größten Erfolg sorgte übrigens die A-Jugend der LSU, die 1959 Berliner Meister wurde.

Zwischenzeitlich bis in die A-Klasse abgerutscht, gelang 1978 das Comeback im Amateuroberhaus – im Übrigen gemeinsam mit dem späteren Fusionspartner BraLi. Als „Sammelbecken für Talente“ bezeichnete die FuWo seinerzeit die LSU, die Talente wie Rainer Sprangowski und Uwe Floerke, aber auch die zurückgekehrten Routiniers Bernd und Wilfried Erdmann sowie Libero Wolfgang „Puffer“ Mode wieder nach oben gebracht hatten. Als Vater des Erfolges wurde das Führungsquartett um den Vorsitzenden Bruno Borchert, Geschäftsführer Peter Ernst und den Vizepräsidenten Eberhard Trepte sowie den inzwischen als Trainer fungierenden „Huzzi“ Erdmann bezeichnet, während das Bauunternehmen „Sü-We-Bau“ mit laut FuWo „fünfstelligen Beträge pro Halbjahr“ für die flüssigen Mittel sorgte.

Obwohl sich selten mehr als eine Handvoll Zuschauer im Stadion Lichterfelde verlor, träumte die LSU seinerzeit sogar von der 2. Bundesliga. 1980 wäre es fast soweit gewesen. Im Kopf-an-Kopf-Duell mit dem BFC Preussen kassierten die Rot-Weißen um den Berliner Torschützenkönig Michael Schumann jedoch im Schlussspiel am 11. Mai 1980 vor 1500 Fans in Lichterfelde eine 1:4-Niederlage gegen Hertha Zehlendorf, woraufhin Kieznachbar Preussen im Zweitliga-­Aufstiegsrennen auf Nord-Vize Göttingen 05 traf. Es war die erste Niederlage nach 20 ungeschlagenen Spielen für die LSU. Anschließend wurde es ruhiger um die drastisch verjüngten Rot-Weißen, die zunehmend ins Mittelfeld zurückfielen und vom Publikum verlassen wurden. 1985/86 wurde der triste Tiefpunkt erreicht, als durchschnittlich 66 Unverdrossene einem der LSU-Heimkicks beiwohnten. Allerdings litten die Rot-Weißen auch unter nicht enden wollenden Baumaßnahmen im Stadion Lichterfelde, durch die sie zum Tingeln über diverse Plätze gezwungen waren. Letzter großer Erfolg war das Erreichen des Berliner Pokalfinales 1984, das mit 1:3 gegen Blau-Weiß 90 verloren ging.

Als die LSU 1988 nach dem Rückzug wichtiger Sponsoren aus dem Berliner Amateuroberhaus abstieg, während BraLi den erhofften Wiederaufstieg in die Oberliga verpasste, war der Weg zu einer schon seit Ende der 1970er Jahre diskutierten Fusion endlich frei. Am 5. Mai 1988 ging die entsprechende Presseerklärung raus, und am 2. Juni befürworteten die Mitglieder beider Vereine den Zusammenschluss zum VfB Lichterfelde. Der sollte sich vor allem im Jugendbereich rasch zu einem Schwerpunkt im Südwesten Berlins entwickeln. Und auch sportlich zählten die Rot-Weißen seit ihrem Aufstieg als Landesliga-Zweiter 1988/89 in die damalige Amateur-Oberliga Berlin zu den erfolgreichsten Vertretern der Stadt.

Unter dem Lichterfelder Urgestein und Ex-Profi Michael Sziedat preschte der VfB im Aufstiegsjahr sogar bis auf Rang fünf hinauf und zählte 1991 zu den Gründungsmitgliedern der neugeschaffenen NOFV-Oberliga. Unterdessen wurden im Nachwuchsbereich unter Jugendleiter Franz Sichler die Weichen gestellt, perspektivisch mit allen Mannschaften in den höchsten Spielklassen vertreten zu sein. Einzig der Zuschauerzuspruch blieb den Verantwortlichen ein Dorn im Auge. So stellten 1993/94 exakt 18 zahlende Zuschauer bei den Heimspielen gegen Glückauf Brieske-Senftenberg und Merseburg 99 triste Minusrekorde auf. Und für die Rekordkulisse jener Tage – 1498 Zahlende – war der am 22. September 1991 in Lichterfelde antretende Publikumsmagnet Türkiyemspor verantwortlich.

Sportlich hielt die Elf um Ausnahmetalent Michél Mazingu-Dinzey sowie den langjährigen Union-Schlussmann Wolfgang Matthies gegen ehemalige DDR-Größen wie Energie Cottbus, den 1. FC Magdeburg und den 1. FC Union vorzüglich mit. 1994 nach Gründung der Regionalligen quasi am Grünen Tisch in die Viertklassigkeit zurückversetzt, klopfte der VfB 1994/95 als Vizemeister sogar mächtig ans Tor zur Regionalliga Nord­ost, unterlag jedoch in den Aufstiegsspielen dem VFC Plauen (0:2, 1:1). Drei Jahre später gelang der Einzug ins Berliner Pokalfinale, das mit 0:2 gegen Zweitliga-Aufsteiger Tennis Borussia verloren ging. Im DFB-Pokal zog man anschließend mit Schalke 04 ein Traumlos, das 4500 Zuschauer in den Jahn-Sportpark lockte, die jedoch eine 0:6-Niederlage der Gastgeber sahen.

Mit der Übernahme der Präsidentschaft durch den langjährigen Gönner Rainer Rotter stellte der Klub 2000 die Weichen für eine offensivere Ausrichtung. 2001 wurde ein modernes Sport-Casino eröffnet, das sich zum Schmelztiegel des boomenden Klubs entwickelte. Rotters Pläne zur Bildung eines Süd-Berliner Großvereins verliefen hingegen im Sande, woraufhin es der VfB alleine versuchen wollte. Im Zuge dessen wurde ein hauptamtlicher Mitarbeiter für die Geschäftsstelle eingestellt sowie der Klubname 2004 in das griffigere LFC Berlin 92 geändert. Zentrales Betätigungsfeld war die Nachwuchsarbeit, für die der Klub 2003 zum zweiten Mal nach 1990 den Sepp-Herberger-Preis erhielt.

Mit ihrer „Liga“-Mannschaft durchlitten die Lichterfelder seinerzeit jedoch die größte Krise seit der Fusion 1988 und stiegen 2004 nach zehn Jahren sogar aus der Oberliga ab. Der karge Zuschauerzuspruch im Stadion Lichterfelde, wo sich selten mehr als 100 Unverdrossene verirrten, bereitete zudem ökonomische Sorgen. 2006 gelang dem LFC die Rückkehr ins Amateur­oberhaus, dem der Klub bis zur Fusion mit Viktoria angehörte – wobei die Oberliga Nordost seit der Liga­reform 2008 nur noch die fünfthöchste Spielklasse war.

Neben dem Spielfeld entwickelte sich der LFC unter Klubchef Rotter derweil phantastisch weiter. Die Nachwuchsabteilung stieg zur größten in der Bundesrepublik auf, und kaum ein Amateurklub war so professionell aufgestellt wie der LFC. In seinem sozialen Engagement war der Verein vorbildlich – und ist es als FC Viktoria geblieben. Die „Wilde Stunde“ ermöglichte es Kids zwischen fünf und acht Jahren, ohne Beitragszahlung beim LFC zu kicken, bei den „Grashüpfern“ erhielten selbst die ganz kleinen Fußballstars professionelle Traineranleitungen und mit dem „Club 499“ existierte ein Instrument, durch das auch Kinder aus finanziell schwachen Familien für den Klub spielen konnten. „Im LFC vereinen wir erfolgreichen Spitzensport und Sport für Jedermann in einem Club. Dabei spielt ein lebendiges Vereinsleben ebenso eine Rolle wie professionelles Training und starkes soziales Engagement“, hieß es entsprechend auf der Webpräsenz des Vereins. Sogar eine Bibliothek mit Fachliteratur zu allen Aspekten des Fußballs und DVDs zur Trainingslehre standen den Mitgliedern zur Verfügung.
Dass der Zuschauerzuspruch im Stadion Lichterfelde unverändert zu wünschen übrig ließ, fiel angesichts der überragenden Arbeit des LFC etwas unter den Tisch. Die Fusion mit Viktoria 2013 eröffnete völlig neue Perspektiven. Und diese Erfolgsstory scheint noch lange nicht beendet zu sein.

Von Hardy Grüne und Horst Bläsig

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