01.08.2020

„Die Situation ist momentan außergewöhnlich“

Interview mit Thorsten Stuckmann

Thorsten Stuckmann (39) ist Teambetreuer bei der Spielergewerkschaft VdV (Vereinigung der Vertragsfußballspieler) und berät in dieser Funktion Fußballprofis in allen relevanten Fragen. Sein Knowhow erwarb sich der gelernte Elektroinstallateur während seiner 18-jährigen Profi-Karriere, die den gebürtigen Gütersloher ab 2000 über drei Stationen in Deutschland (Preußen Münster, Eintracht Braunschweig/Zweitliga-Aufstieg 2005, Alemannia Aachen) ins Vereinigte Königreich (Preston North End, Doncaster Rovers, Partick Thistle, FC Chesterfield) und wieder zurück nach Deutschland führte. 2018 beendete der 1,99 Meter große Keeper seine aktive Laufbahn bei Fortuna Düsseldorf. Neben seiner Tätigkeit für die VdV kommentiert Stuckmann als DFL-Experte Bundesligaspiele für den internationalen Markt auf Englisch und macht seinen Sportfachwirt.

Fußball-Woche: Herr Stuckmann, wie machen sich die Auswirkungen der Corona­krise bei der VdV bemerkbar?

Thorsten Stuckmann: „Vor allem in der Hinsicht, dass wir viele Spieler bezüglich Kurzarbeitergeld beraten. Auch in Sachen Hygienekonzept standen wir in engem Austausch mit Verbänden und Profis, um die Spieler über ihre Rechte und Pflichten zu informieren.“

Haben Profis vermehrt Sorge um Ihren Arbeitsplatz?

Stuckmann: „Jedenfalls nicht mehr als in normalen Zeiten. Die Situation ist momentan außergewöhnlich, weil weder Spieler noch Vereine wissen, wie es weitergeht. Warten wir mal ab, was während des Transferfensters passiert. Ab dieser Woche bieten wir unser VdV-Camp für vertragslose Spieler an, da registrieren wir schon einen regen Zulauf. Wir hoffen aber, dass so viele Spieler wie möglich einen Verein finden.“

Aktuell wird ein Spieler wie Max Kruse mit dem 1. FC Union in Verbindung gebracht, was normalerweise nicht der Preisklasse der Köpenicker entspricht.

Stuckmann: „Max Kruse polarisiert natürlich, aber Union ist auch kein Verein von der Stange, das meine ich positiv. Ob Union soviel zahlen kann, wie Max Kruse vor drei Jahren verdient hat, das geht uns nichts an. Aber Kruse könnte durchaus Interesse haben, bei einem interessanten Bundesligisten zu spielen, wo er etwas bewegen kann.“

Eine neue Interessenvertretung von Profis um Mats Hummels will Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Mobbing in die Öffentlichkeit tragen. Konkurrenz für die VdV?

Stuckmann: „Nein, zumal Mats Hummels auch Mitglied bei der VdV ist, genauso wie Andreas Luthe und Neven Subotic. Zudem befinden sich unsere Geschäftsführer mit den Jungs im Austausch. Das ist keine Konkurrenzveranstaltung zu uns, im Gegenteil: Wir wollen ja mündige Spieler.“

Sie haben eine nicht ganz alltägliche Karriere hingelegt. Wie kam Ihr Wechsel nach England eigentlich zustande?

Stuckmann: „2011 lief mein Vertrag in Aachen aus, ich hatte mir den Fuß gebrochen und war nur noch die Nummer zwei. Ich habe gemerkt, dass es dort nicht mehr weitergeht. Das Ausland, vor allem England, fand ich schon immer interessant. Ich habe dann mit meinem Berater gesprochen, gemeinsam haben wir ein paar Probetrainings organisiert, u. a. bei Swansea City, Leeds United und Preston North End. Swansea hat dann Gerhard Tremmel geholt, Leeds entschied sich für einen englischen Torwart. In Preston hatte ich mich beim Probetraining schon sehr wohl gefühlt, im Oktober kam dann der Anruf, ob ich noch zu haben sei. Ich fand das spannend, den Klub (erster englischer Meister 1889; die Red.) zurück in die zweite Liga zu führen und bin auf das Angebot eingegangen.“

Es wurden sechs Jahre auf der Insel. Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Stuckmann: „Mit Preston sind wir leider nicht direkt aufgestiegen, sondern mussten den Umweg über die Playoffs gehen. Im Nachhinein gibt es allerdings nichts Schöneres, als in Wembley aufzusteigen. Dort haben wir Swindon Town 4:1 geschlagen! Das war überragend, aber es gab zum Glück noch andere Highlights, nicht nur in England: Mein erstes Spiel für Eintracht Braunschweig habe ich im DFB-Pokal beim Derby gegen Hannover 96 gemacht und wir haben 2:0 gewonnen. Mit Preston habe ich im FA-Cup gegen Manchester United gespielt, bei Alemannia Aachen das letzte Spiel auf dem Tivoli mitgemacht und zum Schluss bin ich noch mit Fortuna Düsseldorf in die erste Liga aufgestiegen.“

Welchen Stellenwert genießt die Bundesliga in England?

Stuckmann: „Der ist viel höher als zu meiner Zeit. Damals waren Spieler wie Schweinsteiger oder Müller bekannt, alles, was unterhalb von Bayern oder Dortmund spielte, kannte kaum jemand. Das hat sich mit der Zeit geändert, insbesondere durch die WM 2014 und das Champions League Finale 2013 zwischen Bayern und Dortmund in Wembley.“

Werden dadurch auch vermehrt Wechsel möglich wie zuletzt der von Jude Bellingham (Birmingham City) zum BVB?

Stuckmann: „Früher hat sich selten ein junger Spieler von der Insel runter getraut. Bei den Vereinen, bei denen ich gespielt habe, haben etliche Talente aus den Jugendakademien von Manchester United, Chelsea usw. ihre ersten Schritte im Profifußball gemacht. Ich kann Ihnen sagen, da sind richtig gute Kicker dabei, die brauchen sich nicht zu verstecken! Leute wie Jadon Sancho von Dortmund, Jonjoe Kenny von Schalke, Reece Oxford von Augsburg und jetzt auch Bellingham zeigen, dass die englischen Spieler, vor allem jene, die nach vorne gehen und auf den Flügeln spielen, ein bisschen anders ausgebildet sind als deutsche Spieler.“

Den umgekehrten Weg gibt es auch: Herthas Lazar Samardzic weckt Interesse von internationalen Klubs, angeblich auch vom FC Chelsea?

Stuckmann: „Ein junger Spieler sollte nicht danach gucken, wo er am meisten Geld verdienen kann, sondern wo er fußballerisch am besten ausgebildet wird, so dass er auch noch mit 28 oder 30 Jahren gut verdient. Das Geld kommt irgendwann von alleine, wichtig ist zunächst die Ausbildung und das Spiel. Ob das bei Chelsea mehr gegeben ist als bei Hertha, muss jeder für sich selbst entscheiden.“

Interview: Alex Heinen

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