23.11.2019

Die Nebelsuppe von Berlin

In dieser Woche vor 20 Jahren

Das hatte es bei der „Fußball-­Woche“ noch nicht gegeben. „Wegen der schlechten Sichtverhältnisse wurde auf die sonst übliche Benotung der Spieler verzichtet!“ Diese Anmerkung in kleiner Schrift steht in der Ausgabe Nr. 48 vom 29. November 1999 unter dem Kasten mit den Aufstellungen von Hertha BSC und dem FC Barcelona.

Ein schönes Fußballfest hätte das Champions League-Spiel zwischen dem Berliner Bundesligisten und dem Star­ensemble aus Katalonien am 23. November im Olympiastadion werden können, doch es gibt an diesem Dienstagabend einen Spielverderber: Dichter Nebel nimmt den 60.530 Zuschauern die Sicht. „Für den zahlenden Besucher war das Spiel eine Zumutung“, schreibt die FuWo. „Der Nebel war über weite Strecken so dicht, dass die Zuschauer in den Kurven, egal ob im Ober- oder Unterring, oft genug gar nichts vom Spielfeld sahen und auch die Sicht von der Pressetribüne reichte höchstens, um die vordere Hälfte bis maximal zur Mitte des Spielfeldes zu erkennen.“

Eines der bedeutendsten Spiele in der Geschichte von Hertha BSC gerät so zur Farce. Mit ebenso überraschenden wie beeindruckenden Heimsiegen gegen den FC Chelsea (2:1) und den AC Mailand (1:0) haben sich die Blau-Weißen als absoluter Neuling in der europäischen Königsklasse für die Zwischenrunde qualifiziert. FC Porto, Sparta Prag und Barca heißen die Gegner in der zweiten Gruppenphase. Und gleich zum Auftakt steht die attraktivste Partie auf dem Programm. In den Reihen des vom Holländer Louis van Gaal trainierten FC Barcelona steht die halbe Nationalmannschaft der Niederlande: Ruud Hesp (im Tor,) die Brüder Frank und Ronald De Boer, Michael Reiziger, Boudewijn Zenden, Phi­l­lip Cocu und Stürmer Patrick Kluivert gehören zur Startelf von Berlin, dazu der Franzose Frédéric Déhu, der Portugiese Figo sowie die Spanier Luis Enrique und Josep „Pep“ Guardiola.
Luis Enrique bringt den amtierenden spanischen Meister per Kopf nach einer von Cocu verlängerten Ecke in Führung (14.), Kai Michalke gleicht mit einem 18m-Schuss zum 1:1 aus (33.), das auch der Endstand ist. Vergeblich protestieren die Gäste gegen Her­thas Treffer, weil ihm ein Foul von Vorlagengeber Dariusz Wosz vorausgegangen sein soll. „Vielleicht war der Nebel gut für mich, weil mich bei meiner Torvorlage alle übersehen haben“, scherzt Wosz hinterher.

Viele Zuschauer bekommen die entscheidenden Szenen gar nicht richtig mit. Und der Blick aufs Spiel verbessert sich auch nicht, als zur zweiten Halbzeit nicht mehr mit einem weißen, sondern mit einem roten Ball gespielt wird. „Die Champions League ist ein großes Geschäft“, sagt Barca-Trainer van Gaal auf die Frage eines spanischen Journalisten, ob es nicht besser gewesen wäre, die Partie abzubrechen. Für das Geschäft muss der Ball rollen, aber der Niederländer macht aus seiner Kritik keinen Hehl: „Fußball muss für die Zuschauer stattfinden, unter vernünftigen Bedingungen.“

Bei Hertha gibt Marko Rehmer – rechts in der Vierer-Abwehrkette – nach fast viermonatiger Verletzungspause unter den Augen von DFB-Teamchef Erich Ribbeck sein Comeback. Es ist der erste Pflichtspiel-Einsatz des Nationalspielers, den die Berliner im Sommer für 7,5 Millionen Mark aus seinem bis 2000 laufenden Vertrag bei Hansa Rostock herausgekauft und für vier Jahre verpflichtet haben. Nach dem Barcelona-Spiel schwärmt Hertha-Manager Dieter Hoeneß von dem hier und da schon als Fehl­einkauf bezeichneten pfeilschnellen Mann­decker: „Wir haben gewusst, warum wir Marko noch vor Ablauf seines Vertrages holen wollten. Das hat er gegen eine der besten Vereinsmannschaften der Welt bewiesen.“

Zu sehen ist das kaum. Die Fans nehmen den im Spielverlauf immer dichter werdenden Nebelbrei dennoch mit Humor. „Oh wie ist das schön, oh wie ist das schön, sowas hat man lange nicht gesehn, so schön, so schön“, singen sie und: „Nur nach Hause geh‘n wir nicht.“

Beim Abpfiff kann sich Hertha über einen etwas glücklichen, aber nicht unverdienten Punktgewinn zum Einstand in der Champions League-Zwischenrunde freuen. Hinzu kommt in den folgenden fünf Spielen aber nur noch einer: beim 1:1 im Rückspiel gegen Sparta Prag.

Während der russische Unparteiische Nikolai Lewnikow in der Nebelsuppe von Berlin der Verordnung folgt, nach der einem Spiel nichts im Wege steht, wenn der Schiri vom Anstoßpunkt aus beide Tore sehen kann, muss in seiner Heimat sein schwedischer Kollege Anders Frisk vor dem Wetter kapitulieren. Wegen Temperaturen von 18 Grad unter Null setzt Frisk das UEFA-Pokal-Match zwischen Spartak Moskau und Leeds United ab.

Von Horst Bläsig

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