23.05.2020

Die Ära Buschner beginnt

In dieser Woche vor 50 Jahren

Was dieser Trainerwechsel bedeutet, ist niemandem klar im DDR-Fußball. Er soll ein Versprechen sein auf eine bessere Zukunft. Doch das hat man im Verband bei den Wechseln zuvor auch erwartet. Bei einem ist das aufgegangen, bei Karoly Soos, mit dem die DDR-Olympiaauswahl 1964 in Tokio zu Bronze kommt. Immerhin hat der Ungar die Mannschaft in 43 Spielen betreut, für die insgesamt 46 anderen Partien bis zum Frühjahr 1970 hat es indes sechs Trainer gegeben. Manche, so Willi Oelgardt, Hans Siegert und Heinz Krügel, trugen in lediglich drei Begegnungen die Verantwortung. Harald Seeger, der bisher letzte, durfte auch nur zwölf Spiele ran.

Nun aber soll endlich alles anders, nämlich besser werden. Georg Buschner heißt der Neue, einst selbst Nationalspieler und da ein eisenharter Verteidiger. Als Trainer hat er sich beim SC Motor Jena längst einen Namen gemacht. 1960 schon, als 34-Jähriger ganz neu im Amt, führt er die Thüringer zu ihrem ersten Triumph im FDGB-­Pokal. Um die Brüder Roland und Peter Ducke baut Buschner ein Team auf, das in den 60er-Jahren gemeinsam mit dem ASK/FC Vorwärts Berlin das Nonplusultra im DDR-Vereinsfußball ist. 1963, 1968, da schon als FC Carl Zeiss, und 1970 gelingt ihm mit den Männern aus dem Ernst-Abbe-Sportfeld der Gewinn des Meistertitels.

Für die Bosse im Verband ist Buschner gleichbedeutend mit modernem Fußball und damit Erfolg. Seine Maxime, kraftvoll und trotzdem intelligent spielen zu lassen, kommt ganz oben bestens an. Da nehmen die Macher sogar in Kauf, dass der neue Nationalcoach schon mal seinen eigenen Willen durchsetzt und gern als Sturkopf bezeichnet wird. Letztlich aber gibt der Erfolg ihm auch mit dem Nationalteam recht.

Soweit ist es am 16. Mai 1970 aber noch lange nicht. An diesem Sonnabend gibt der „Graf“, wie sie den Mann von den Jenaer Kernbergen nennen, erst einmal sein Debüt als Coach der Nationalelf. Anfangs fährt er noch zweigleisig, denn bevor er das Amt als Carl-Zeiss-Trainer an seinen Assistenten Hans Meyer abgibt, vergeht ein weiteres Jahr. Der Beginn seiner Zeit als Verbandstrainer beginnt in Krakau, im Wisla-Stadion. 35.000 Zuschauer sind zum Länderspiel Polens gegen die DDR gekommen. Am Ende ist Buschner mit dem 1:1 (1:1) nach Toren von Kazimierz Deyna von Legia Warschau (19.) und Eberhard Vogel vom FC Karl-Marx-Stadt (22.) durchaus zufrieden.
Etwas anderes aber ist ihm wichtiger: Buschner krempelt die Mannschaft um. Nahezu logisch erscheint, dass er sich ganz stark an jenen Spielern orientiert, die er aus Jena kennt. Mit Peter Ducke, Harald Irmscher, Peter Rock, Helmut Stein und Debütant Michael Strempel kommen fünf der elf Spieler von Carl Zeiss. Auf den Hallenser Klaus Urbanczyk verzichtet Buschner indes völlig. Der langjährige Kapitän der Auswahl, obwohl erst 29 Jahre alt, kommt nicht mehr zum Zuge. Dessen 34. Länderspiel, das letzte von Buschner-Vorgänger Seeger, ist auch das letzte des eigentlich schneidigen rechten Außenverteidigers.

Dafür setzt Buschner auf die Jugend. Genügend Talente sind herangewachsen. Aus dem 1965er-Juniorenjahrgang, der mit einem 3:2 im Finale gegen England das UEFA-Turnier, die damals inoffizielle U-18-Europameisterschaft, gewinnt, haben der Zwickauer Torhüter Jürgen Croy, der Dresdner Mittelfeldmann Hans-Jürgen Kreische und der Magdeburger Angreifer Jürgen Sparwasser längst einen Stammplatz sicher. Aus dem 1969er-Jahrgang, der das UEFA-Turnier nach einem 1:1 im Finale gegen Bulgarien nur aufgrund des Losentscheides nicht gewinnt, rücken neue hungrige Jungs nach. Zu ihnen gehören der Dresdner Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, der vielseitig einsetzbare Lothar Kurbjuweit von Stahl Riesa, der Magdeburger Mittelfeldspieler Jürgen Pommerenke und der Rostocker Torjäger Joachim Streich. Mit Konrad Weise, einem Defensivmann aus Jena, und Gerd Kische aus Rostock klopfen zudem zwei 17-Jährige bereits an die Tür zur Nationalelf.

Diese Generation ist, wie auch der Trainerwechsel, ein Versprechen auf die Zukunft. Im Laufe ihrer Karrieren absolvieren Streich (102), Dörner (100), Weise (86), Kurbjuweit (66), Kische (63) und Pommerenke (57) zusammen 474 Länderspiele. Übertroffen aber werden sie von Buschner selbst. Denn was sich die Funktionäre von ihm erhoffen, der „Graf“ liefert. Zumindest in den meisten seiner 113 Länderspiele. 1972 in München die olympische Bronzemedaille, 1974 die erste und einzige WM-Teilnahme mit dem legendären 1:0 in Hamburg gegen den späteren Weltmeister Deutschland mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Uli Hoeneß, Paul Breitner, Berti Vogts und Co.; 1976 in Montreal kommt Olympiagold als krönender Abschluss dazu.

Kurios nur ist, dass nicht nur Buschners Debüt gegen Polen steigt, sondern dass nach einem Länderspiel gegen die Weiß-Roten auch Schluss ist. Mit dem 2:3 am 10. Oktober 1981 in Leipzig verspielt die DDR-Elf nämlich die Chance auf ihre zweite WM-Teilnahme, auf die 1982 in Spanien. Damit geht nicht nur die Zeit einer goldenen Generation – Dörner, Weise, Pommerenke, Kurbjuweit und Streich sind noch immer dabei – zu Ende, auch die große Ära von Georg Buschner als Nationalcoach wird mit dem Schlusssignal des Spaniers Augusto Lamo Castillo abgepfiffen.

Von Andreas Baingo

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