26.10.2019

Der Warnruf Eppingen

In dieser Woche vor 40 Jahren

Die Zuschauer haben nach Abpfiff den Rasen gestürmt. Ein älterer Herr mit Hut eilt zu Torwart Volker Gebhard und küsst ihm die linke Hand. Es ist ein herrliches Bild, das die FuWo Ende Oktober 1974 abdruckt. Ein Bild vom Spiel, das als die Mutter aller folgenden Pokalsensationen in die Geschichte des DFB-Pokals eingeht. Der kleine VfB Eppingen aus Baden-Württemberg schlägt den großen Hamburger SV 2:1 (0:0). „Alles hat gejubelt. Die Zuschauer sind von den Hängen und Bäumen auf den Platz gestürmt. Das war damals normal“, erinnert sich Eppingens Abwehrspieler Raimund Lietzau 2014 zum 40. Jahrestag in der „Rhein-Neckar-Zeitung“.

Der Pokal wird nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1952 wieder ausgespielt und es gibt danach verschiedene Formen der Austragung. Beispielsweise mit nur je einem Vertreter aus den Regionen Berlin, Nord, West, Südwest und Süd oder nach Einführung der Bundesliga 1963 mit 32 Teams. Ab 1974 sind 128 Mannschaften dabei, die Amateure sind mit 70 Vertretern erstmals in der Überzahl gegenüber den Bundes (18)- und Zweitligisten (40). 1982 wird die 2. Liga eingleisig und auch der Pokalmodus ändert sich erneut. Ab diesem Zeitpunkt sind es, wie auch jetzt noch, 64 Teilnehmer.

In der ersten Runde 1974/75 gewinnt Eppingen 2:1 gegen Röchling Völklingen aus der 2. Liga Süd. Eine Überraschung, aber nichts, was den Fußball-Interessierten im Land lange in Erinnerung bleibt. Am 26. Oktober 1974 kommt der HSV. Trainer Kuno Klötzer gibt im Vorfeld zu, dass er den knapp 15.000 Einwohner zählenden Ort erst einmal auf der Landkarte suchen musste. Heute würde man aufgrund des Bekanntheitsgrades als Anhaltspunkt in der Umgebung wohl Hoffenheim nennen, damals eher Heilbronn oder Karls­ruhe. Letzteres ist schon fast 50 Kilometer entfernt. Der VfB Eppingen ist in der 1. Amateurliga Nordbaden zu Hause, spielt dort unter anderem gegen den VfB Knielingen, den FC Victoria Bammental und den FC Neureut.

15.000 Zuschauer kommen ins eigens für diese Partie vergrößerte Kraichgaustadion, um den DFB-Pokalfinalisten der vorigen Saison zu sehen. Schon in der ersten Halbzeit erleben sie eine forsche Eppinger Mannschaft, Tore fallen allerdings noch nicht. Nun wird der HSV ja wohl aufwachen, denken viele. Tut er aber nicht. Stattdessen bricht die große zweite Halbzeit des Gerd Störzer an. Der 28 Jahre alte VfB-Spielmacher, der später an einer Realschule Deutsch und Englisch unterrichtet, trifft in der 60. und 70. Minute.

Etwa zehn Minuten vor Schluss schafft der eingewechselte Horst Bertl den Anschlusstreffer. Mehr aber auch nicht. Wie war das möglich, fragt die FuWo. Und gibt Antworten: Nein, es lag nicht daran, dass Trainer Klötzer auf einige Stammspieler verzichtet hat. Es lag an denen, die auf dem Platz standen und die richtige Einstellung vermissen ließen.

„Nicht Dundee (Europapokaldebakel des 1. FC Köln) oder Tirana (Europameisterschaftsdebakel der Nationalmannschaft) heißt künftig der Warnruf – sondern Eppingen!“, schreibt die FuWo. Doch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten überhört mancher Favorit den Warnruf. Genannt seien hier nur Auftritte des FC Bayern München beim FV 09 Weinheim oder beim TSV Vestenbergsgreuth (jeweils 0:1 in den Jahren 1990 und 1994), vom 1. FC Nürnberg beim SSV Ulm (1:2 im Jahr 2001, zum einzigen Mal fliegt ein Erst- bei einem Fünftligisten raus) oder von der TSG Hoffenheim beim Berliner AK (0:4, 2012).

Und dann gibt es noch das Spiel des Regionalligisten SV Sandhausen gegen den VfB Stuttgart 1995, als im Elfmeterschießen die ersten 25 Elfer verwandelt werden. Danach verschießt Stuttgarts Hendrik Herzog. A propos Sandhausen: Dort setzt sich Eppingen in der Saison 1974/75 nach dem Coup gegen den HSV auch noch mit 2:1 durch, scheitert erst im Achtelfinale mit 0:2 am Bundesligisten Werder Bremen.

Von Sebastian Schlichting

Kommentieren