07.06.2020

Der Pokalschreck aus Schwerin

In dieser Woche vor 30 Jahren

Damit haben sie im Nordwesten der DDR nie und nimmer gerechnet. Dass sie im FDGB-Pokal als jahrelanger Zweitligist vielleicht mal den einen oder anderen Favoriten ärgern könnten, das vielleicht. Dass sie sich einen Namen machten möchten mit ihrer jungen Mannschaft, in der es vor Talenten nur so wimmelt, ist ebenso Motivation genug. Dass sie aber bis ins Endspiel vorstoßen, wo ihnen mit Dynamo Dresden auch noch der frisch­gebackene Meister gegenübersteht, klingt dann aber doch wie ein Märchen.

Und doch ist es so: Der PSV Schwerin, wenige Monate nach dem Mauerfall durch eine kurzfristige Namensänderung aus Dynamo Schwerin hervorgegangen, eilt von Triumph zu Triumph, von Überraschung zu Überraschung und steht am 2. Juni 1990 im Finale vor der Sensation.

Als der Wettbewerb für die Schweriner, seit Jahr und Tag Stammgast in der DDR-Liga und lediglich 1975 und 1984 in der Aufstiegsrunde zur Oberliga dabei, dort aber in der Fünfer-Runde als Vorletzter und Letzter beide Male gescheitert, am 26. August 1989 beginnt, ist das Losglück auf ihrer Seite. Die Mannschaft von Trainer Manfred Radtke, einen Monat zuvor gerade 36 Jahre alt geworden, muss zwar auswärts antreten, bekommt es mit Motor Babelsberg aber mit einem Team zu tun, das gerade in die Drittklassigkeit abgestiegen ist. Dynamos 2:0-Erfolg geht schließlich unter der Rubrik Arbeitssieg in die Statistik ein.

In Runde 2 hätte es jedoch knüppeldick kommen können, kommt es aber nicht. Stahl Riesa hat zwar 16 Erstligajahre hinter sich, nach dem Abstieg 1988 haben sich die Sachsen aber nicht wieder berappelt. Sie haben im Sportpark Paulshöhe im Spiel zweier Zweitligisten mit 1:3 das Nachsehen. Und weil Fortuna es einmal gut meint mit den Schwerinern, erwarten sie im Achtelfinale mit der BSG Schiffahrt/Hafen Rostock erneut einen Zweitligisten und haben mit einem 3:2 ein drittes Mal die Nase vorn.

Von nun an aber ist Schluss mit lustig. Zwar ist gerade in Berlin die Mauer gefallen, vier Wochen später jedoch ist auch in Schwerin der Teufel los. Mit dem 1. FC Magdeburg kommt ein ganz großes Pokalkaliber zum Überraschungsteam. Einmal in Schwung, hat aber selbst der siebenmalige Pokalsieger gegen den eigentlichen Fußball-Zwerg keine Chance. Mit 3:1 sorgen die Schweriner für den ersten ganz großen Paukenschlag des Wettbewerbs, mal abgesehen davon, dass sich in eben diesem Viertelfinale der FC Vorwärts Frankfurt gegen Rekordmeister BFC Dynamo in der Verlängerung mit 2:0 behauptet. Im Gegensatz zu den Dynamos aus Schwerin befinden sich die Dynamos aus Hohenschönhausen jedoch schon im Sinkflug.

Nur noch ein Sieg fehlt den Männern aus Mecklenburg, um ins Finale vorzustoßen. Dabei sind sie das kleinste Licht im Halbfinale. Der 1. FC Lokomotive Leipzig ist wahrscheinlich heilfroh, auf die Paulshöhe zu kommen und nicht etwa im vermeintlich vorweggenommenen Endspiel auf Dynamo Dresden (spielt gegen BFC-Bezwinger Vorwärts) zu treffen. Nur haben auch die Leipziger nicht die Energie, dem Höhenflug der Schweriner ein Ende zu setzen. Das 1:0 durch einen Kopfball von Matthias Stammann (16.) hat auch nach 90 Minuten Bestand, obwohl der Außenseiter nach einem Platzverweis für Abwehrmann Peter Herzberg die letzte Viertelstunde in Unterzahl spielt.

Trotzdem gibt es vor dem Endspiel, dem größten Erfolg der Schweriner Vereinshistorie, einen Wermutstropfen: Weil sich das Land ein halbes Jahr nach dem Mauerfall in der Auflösung befindet und der Fußball nur noch eine marginale Rolle spielt, findet das Endspiel nicht wie seit 1975 vor rappelvoller Hütte im Stadion der Weltjugend statt, sondern am 2. Juni 1990 im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Selbst dort verlieren sich ganze 5.750 Zuschauer.

Die, die gekommen sind, trauen ihren Augen nicht: Der Außenseiter, bei dem lediglich Frank Prange über ein Minimum an Erstligaerfahrung verfügt (fünf Einsätze einst für den BFC Dynamo, dort aber wegen Perspektivlosigkeit ausgemustert), geht durch André Kort früh in Führung (5.), hält trotz des Ausgleichs durch Nationalspieler Jörg Stübner (18.) das Geschehen – auch weil Dresdens Mittelfeld-Ass Hans-Uwe Pilz vom Platz fliegt (51.) – lange offen und gibt sich erst durch das späte 1:2 von Ulf Kirsten (84.) geschlagen.

Ganz ist die Erfolgsgeschichte der Schweriner mit dieser Niederlage aber nicht zu Ende. Drei von ihnen, der 21-jährige Torhüter Andreas Reinke, der 22-jährige Mittelfeldmann Matthias Stammann und das Küken, das 18-jährige Sturmtalent Steffen Baumgart, starten eine Karriere in der Bundesliga, die Reinke zu Meisterschaften mit dem 1. FC Kaiserslautern und Werder Bremen sowie einem Pokalsieg mit den Lauterern führt, Stammann zum Triumph im DFB-Pokal mit Bayer Leverkusen und Baumgart zu 225 Erstligaspielen für Hansa Rostock, den VfL Wolfsburg und Energie Cottbus sowie aktuell auf den Trainerstuhl des SC Paderborn.

Von Robert Klein

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