17.06.2018

Aus dem Staub gemacht

In dieser Woche vor 45 Jahren

Zum Anpfiff stehen bei den Gästen nur neun Spieler auf dem staubigen Platz in der Gneisenaustraße. Was wie ein normaler Sonntag irgendeines Kreisligateams klingt, ist der Auftakt für traurige 90 Minuten Berliner Fußball-Geschichte: Hier auf der Anlage von Eintracht Südring wird in der ersten Runde des Pokals, der zu der Zeit noch keinen eigenen Namen hat und unter DFB-Pokal firmiert, das letzte Spiel des großen SC Tasmania 1900 ausgetragen. Am 17. Juni 1973, exakt 73 Jahre und 15 Tage nach der Vereinsgründung als Rixdorfer TuFC Tasmania 1900.

Das Ende war wenige Tage zuvor besiegelt worden. Auf der Vorstandssitzung vom Verband Berliner Ballspielvereine (VBB) wurde dem Verein wie erwartet die Lizenz für die kommende Regionalligasaison verweigert. „Es wäre unverantwortlich für den VBB, bei einer Schuldenlast von 800.000 bis 850.000 Mark und ohne erkennbaren Willen, die Verschuldung zu mildern, dem Neuköllner Klub für die neue Saison eine Lizenz zu erteilen“, begründet VBB-Präsident Eberhard Hartlep. Es ist die erneute Bestätigung des bereits Monate vorher ausgesprochenen und vom Bundesgericht des Deutschen Fußball-Bundes mitgetragenen Lizenz­entzugs.


„Dem VBB-Vorstand kann man nur vollends bescheinigen, daß er Tasmania gegenüber größte Geduld bewiesen hat“, schreibt die Fußball-Woche. Der Verein habe sich über Jahre „in völliger Verkennung der Berliner Fußball-Situation … finanziellen Risiken ausgesetzt, die, gelinde gesagt, unverschämt waren.“ Tasmania hatte mit aller Macht und viel Geld versucht, erneut in die Bundesliga aufzusteigen, war aber dreimal in der Aufstiegsrunde deutlich gescheitert.
Die Regionalligaspielzeit 1972/73 beendete Tas auf dem dritten Platz, dann folgte das unwiderrufliche „Daumen runter“ des VBB. Ein Fortbestehen des Klubs in der Amateurliga wäre aufgrund der riesigen Schuldenlast keine wirkliche Alternative gewesen. Die Pokalrunde ist jedoch bereits ausgelost – und so findet sich die Mannschaft, beziehungsweise das, was von ihr übrig ist, zum Spiel bei Eintracht Südring ein. Bei den neun Mann, die zunächst anwesend sind, ist einer dabei, der das historisch schlechte Bundesligajahr 1965/66 miterlebt hat: Wulf-Ingo Usbeck. Beim 2:0 am ersten Spieltag gegen den Karlsruher SC schoss er vor gut 80.000 Zuschauern im Olympiastadion beide Tore. Mit insgesamt vier Treffern ist er Tasmanias erfolgreichster Bundesligatorschütze.

Nach einer Viertelstunde ist Tasmania in Kreuzberg 61 immerhin zu zehnt und mit Beginn der zweiten Halbzeit komplett. Der elfte Spieler ist Peter Buchwald, später Geschäftsführer beim SV Tasmania 73, dem inoffiziellen Nachfolger. Ob sich Tas einen Gefallen damit getan hat, noch einmal aufzulaufen, „wagen wir zu bezweifeln“, so die FuWo: „Sich bei sommerlichen Temperaturen zu quälen für ein paar häßliche Randbemerkungen der Zuschauer, dürfte ein schlechter Lohn sein.“ Gleichzeitig lobt die FuWo die Moral des letzten Aufgebots. Was hier im Wortsinn wirklich eines ist, da danach nie wieder eine Mannschaft für Tasmania 1900 aufläuft: „Hut ab vor der sportlichen Einstellung der Tas-Spieler.“ 

Die geben beim eine Klasse tiefer angesiedelten Gegner noch einmal alles, zur Halbzeit steht es 1:1. Usbeck ist per Foulelfmeter für die Neuköllner erfolgreich. Ein anderer Routinier, Lothar „Wanze“ Groß, macht später das 2:3. Der letzte Pflichtspieltreffer gelingt Usbeck wieder mit einem Foulelfmeter zum 3:4-Endstand in der 89. Minute. Mit diesem Tor beschließt ein echter Tasmane das Kapitel Tasmania 1900. Usbeck hatte 1954 im Verein begonnen und war nach den Stationen 1. FC Nürnberg, Grazer AK und Blau-Weiß 90 im Jahr 1971 dorthin zurückgekehrt. Insgesamt war er fast 15 Jahre für Tas am Ball.

Im Sommer 1973 fängt Tasmania 73 ganz unten neu an. Tasmania 1900 ist zu diesem Zeitpunkt Geschichte. Diese endete nach acht Berliner Meisterschaften, sieben Pokalsiegen, einem Jahr Bundesliga und Teilnahme am Messepokal auf einem staubigen Platz in der Gneisenaustraße an einem heißen Sonntag im Juni. Vor 205 zahlenden Zuschauern.

Von Sebastian Schlichting

Kommentieren

Vermarktung: