03.05.2020

Aufstieg am Tivoli

In dieser Woche vor 30 Jahren

Das Zweitligaspiel am Aachener Tivoli ist in der Endphase. SFB-Reporter Johannes Kerner (bei der Einblendung seines Namens im Abendschau-Beitrag noch ohne „B.“) pirscht sich an der Seitenlinie an Werner Fuchs heran. „Herr Fuchs, herzlichen Glückwunsch. Sie sind soeben aufgestiegen“, eröffnet Kerner in einer Zeit, in der noch nicht jeder ständig per Smartphone über alles informiert ist, dem völlig verdutzten Trainer von Hertha BSC. „In Freiburg ist das Spiel zu Ende. Ich wollte mal herzlich gratulieren“, schiebt Kerner nach. Nun reagiert Fuchs, mit einem langen Jubelschrei und einem kurzen Tänzchen. Dann konzentriert sich der Trainer sofort wieder auf das Spiel und ruft: „Kommt, weiter.“

Hertha führt nach einem Tor von Theo Gries bei der Alemannia, der Gegentreffer zum 1:1-Endstand interessiert niemanden mehr. Durch den 2:0-Sieg des SC Freiburg gegen die Stuttgarter Kickers stehen die Berliner am 1. Mai 1990 drei Spiele vor dem Saison­ende als Bundesliga-Aufsteiger fest.

Fast genau vier Jahre vorher war Hertha am Tivoli in die Oberliga abgestiegen. Mittelfeldspieler Thorsten Gowitzke gehörte als 19-Jähriger schon zum Kader. „Werner Fuchs war damals Trainer in Aachen. Und jetzt hier der Aufstieg“, jubelt Gowitzke. Die Spieler singen unter der Dusche, Co-Trainer Nello di Martino hält beim gemeinsamen Essen eine Rede auf Italienisch – die Abendschau ist immer dabei.

Im Juni 1983 hatte Hertha BSC das bislang letzte Bundesligaspiel bestritten. Danach kickt Blau-Weiß 90 in der Saison 1986/87 ein Jahr lang in der höchsten Spielklasse, ansonsten rollt der Erstligaball an der Stadt vorbei. Tristesse ist ein treffender Begriff für den Berliner Fußball in den 80er Jahren. Aber dieses Jahrzehnt ist ja vorbei, die Mauer ist offen – und Hertha bald wieder erstklassig.

Dabei war die Vorgabe von Trainer Fuchs zu Saisonbeginn vergleichsweise bescheiden gewesen. Nach dem 13. Rang 1988/89 sollte es erst einmal Richtung einstelliger Tabellenplatz gehen, um dann zu sehen, ob mehr möglich ist. Schnell ist klar: Ja, es ist mehr möglich! Hertha ist fast immer im vorderen Tabellendrittel zu finden, ist ab dem zwölften Spieltag nie schlechter als auf Rang vier platziert.

Zwei Tage nach dem Mauerfall kommt es im Olympiastadion zum historischen Spiel gegen die SG Wattenscheid 09 (1:1 vor rund 60.000 Zuschauern). Danach verliert die Mannschaft bis zum Aufstieg am 1. Mai nur noch zwei Partien. Zu Hause bleibt sie sogar in allen 19 Spielen ungeschlagen. Am Ende wird sie als Meister vor Wattenscheid aufsteigen. Der Drittplatzierte 1. FC Saarbrücken scheitert in der Relegation am VfL Bochum. In der Zuschauergunst liegt Hertha mit einem Schnitt von knapp 13.500 Besuchern auf Platz zwei hinter dem FC Schalke 04, der doppelt so viele Fans begrüßt.

„Seit Weihnachten habe ich eine riesige Chance gesehen. Da hatte ich auch erkannt, dass keine andere Mannschaft besser besetzt ist“, sagt Herthas torgefährlicher Kapitän Dirk Greiser nach dem Spiel in Aachen. „Wir sind eine echte Truppe und haben eine gewisse spielerische Klasse.“

Zu den vielen Gratulanten gehört der Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD): „In dem Jahr, in dem Berlin wieder zusammenwächst, erhält unsere Stadt nun auch das Geschenk, nach Jahren der Abstinenz wieder Erstliga-Fußball mit den besten Mannschaften Deutschlands in dem traditionsreichen Olympiastadion erleben zu können.“ Manfred von Richthofen, Präsident des Landesportbundes Berlin, schreibt: „Wir freuen uns mit Ihnen, dass nun auch der Fußball in unserer Stadt eine erstklassige Visitenkarte abgehen kann.“

Statt Bayreuth, Darmstadt und Kassel werden die Bayern, Dortmund und der Hamburger SV kommen. Es darf von schönen Fußball-Zeiten im nicht mehr geteilten Berlin geträumt werden. Die Realität wird anders aussehen. In der Bundesligasaison sieht Hertha selbst den vorletzten Tabellenplatz meist nur aus großer Entfernung. Aufstiegstrainer Fuchs muss im November gehen. Ihm folgen im weiteren Verlauf der Saison Pal Csernai (Amtszeit knapp vier Monate), Peter Neururer (zweieinhalb Monate) und Karsten Heine (für die letzten drei Spiele). Hertha steigt mit 14:54 Punkten und 37:84 Toren ab.

Von Sebastian Schlichting

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