13.06.2020

Ärger um Tennis Borussia

In dieser Woche vor 65 Jahren

Manche der heutigen Berliner Bezirke haben sehr früh Stadtrechte erhalten, Spandau oder Köpenick beispielsweise schon im 13. Jahrhundert. Andere erst rund um den Beginn des 20. Jahrhunderts. Das gilt unter anderem für Lichtenberg und Wilmersdorf. Und dann gibt es noch Charlottenburg: Königin Sophie Charlotte stirbt 1705 im Alter von nur 36 Jahren. Ihr Mann, König Friedrich I. in Preußen, lässt das Schloss Lietzenburg, auch als Sophie Charlottes Musenhof bekannt, nach ihr benennen. Gleichzeitig bekommt die Siedlung südlich des Schlosses Stadtrechte. 1893 wird Charlottenburg zur Großstadt und 1920 Teil von Groß-Berlin. Wieder 35 Jahre später, 1955, feiert Charlottenburg dann also den 250. Geburtstag.

Da will auch der Fußball seinen Teil beitragen. Als Höhepunkt vorgesehen ist eine Partie „mit zwei Vertretungen…deren Besetzungen ungemein interessant sind“, wie die Fußball-Woche im Vorfeld erfreut feststellt. Da wäre zum einen die aus ganz jungen Spielern bestehende Berliner Stadtauswahl mit Klaus Taube, Helmut Faeder, Günter Schüler (alle Hertha BSC) oder auch Horst Kotzan (Spandauer SV) und Roland Zöllner (BSV 92).

Gegner wird am 9. Juni 1955 ein Team mit Spielern aus Charlottenburger Vereinen sein. Die Liste liest sich vielversprechend, sind doch mehrere Akteure von Tennis Borussia dabei, die die große Zeit des Vereins Anfang der 50er Jahre mitgeprägt haben. Stellvertretend seien Rudolf „Rulle“ Deinert, Fritz Wilde und Gerhard Graf genannt.
2000 Zuschauer finden am Donnerstagabend den Weg ins Mommsenstadion. Es sind laut FuWo „in erster Linie die Kenner und Fachleute“. Sie kommen in der Hoffnung, „dass die blutjunge Stadtauswahl durch die alten, erfahrenen Borussen einer Prüfung auf Herz und Nieren unterzogen werden würde“. Doch dann passiert etwas, was den ­FuWo-Berichterstatter in Rage versetzt. Er wirft TeBe vor, „den Sinn dieser Veranstaltung torpediert zu haben“.

Kurz vor Spielbeginn teilen die Veilchen mit, dass zahlreiche angekündigte Spieler nicht auflaufen, darunter Deinert und Wilde. Grund sei eine Begegnung in der Oberliga-Vergleichsrunde – in der nach Saisonende Mannschaften aufeinandertreffen, die nicht bei der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft mitspielen – beim FSV Frankfurt wenige Tage später.

Die FuWo zürnt unter der Überschrift „Das war nicht fair, Tennis Borussia!“: Wenn man wolle, könne man Verständnis für die TeBe-Entscheidung aufbringen. „Nicht zu entschuldigen aber ist, diesen Standpunkt nicht vorher klargelegt zu haben.“ Und weiter: „Als amtliches Organ müssen wir schärfstens dagegen protestieren, wenn den für ein Spiel A gegen B Eintritt zahlenden Zuschauern A gegen C vorgesetzt wird.“ Wobei angemerkt sei, dass TeBe trotzdem noch einen Großteil der Charlottenburger Mannschaft stellt und diese durchaus passabel mithält. Am Ende gewinnt die Berliner Auswahl 3:1.

Nur zwei Tage später läuft Charlottenburg in ganz anderer Besetzung erneut auf, diesmal vor 1000 Zuschauern in der Sömmeringstraße gegen den schwedischen Viertligisten IFK Ystad. Auch diesmal gibt es eine personelle Überraschung, allerdings positiver Art: Der schon 34 Jahre alte Fritz Wilde, bereits 1941 mit TeBe Berliner Meister, ist Teil des Teams. Er zeigt beim 2:2 eine sehr ansprechende Leistung.

In der Woche darauf findet auf demselben Platz noch ein Spiel anlässlich des Charlottenburger Jubiläums statt, man soll ja die Feste schließlich feiern, wie sie fallen: Charlottenburgs Auswahl spielt gegen TeBe. Die mit einer Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern wie Wilde, Graf und Heinz „Hase“ Warstat antretenden Borussen gewinnen 2:0. Für Erheiterung sorgt dabei besonders Wilde, der die 500 anwesenden Zuschauer mit guten Sprüchen an die Adresse der Teamkollegen unterhält: „Bleib doch stehen, steil is doch schon eener da“ und „Nu schlaft mal nich ein.“

Von Sebastian Schlichting

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