19.10.2019

Sachsen-Auswahl begeistert

In dieser Woche vor 70 Jahren

Sie alle sind aus dem Häuschen nach dem Spiel im auf Hochglanz gebrachten Stadion Mitte in der Berliner Chausseestraße. 35.000 Zuschauer sind gekommen, obwohl nicht ein Berliner auf dem Rasen steht. Doch sie sehen eine Partie, von der sie begeistert sind: Die Auswahl Sachsens trifft auf eine ungarische Gewerkschaftsauswahl, in der mit Mihaly Keszthelyi, Jozsef Konya und Stefan Nagy drei Nationalspieler stehen, die eine große Aktie am 2:1-Erfolg der Gäste haben.

Es ist der 9. Oktober 1949, vor zwei Tagen erst wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet, und die Sachsen-Auswahl ist gut drauf. Erst kürzlich hat sie einen Vergleich gegen die Auswahl des Niederrheins überraschend, aber dennoch verdient 2:1 gewonnen. Doch gegen die Männer aus Csepel und Szombathely sehen sie zumindest am Anfang nicht ganz so gut aus. Nach nur 13 Minuten führen die Ungarn bereits 2:0, weil Varga (6.) und Hiba (13.) den Chemnitzer Schlussmann Voigtländer bezwingen.

Betreut werden die Sachsen übri­gens vom späteren Bundestrainer Helmut Schön (1974 mit der DFB-Auswahl Weltmeister), 34, der selbst noch für die SG Dresden-Friedrichstadt aktiv ist und mit seinem Team in der Zonen-Liga, die gerade in ihrer ersten Saison steckt, auf Rang 4 hinter der BSG Waggonfabrik Dessau, KWU Erfurt und Horch Zwickau steht.

Noch kann der „Lange“ nicht zufrieden sein, mit zunehmender Dauer aber wendet sich das Blatt. Die Grün-Weißen, die mit den Dresdnern Hans Kreische und Herbert Pohl sowie den Zwickauern Helmut Schubert und Heinz Satrapa eine namhafte Elf stellen, steigern sich enorm. Das passiert vor allem in den zweiten 45 Minuten, als Satrapa im Spiel ist, sofort für Schwung sorgt und nach einer Frei­stoßablage Schuberts das 1:2 erzielt (54.).
Die Zuschauer sind hin und weg, sie wittern eine Überraschung und kommen insgesamt voll auf ihre Kosten, selbst wenn der Ausgleich nicht mehr gelingt. Für Schön sind es gelungene 90 Minuten. „Endlich hat die Ostzone ihr großes Spiel gehabt“, sagt der Coach, „und ich freue mich besonders, dass wir zum ersten Mal die Gelegenheit hatten, vor Berliner Publikum unsere Leistung an einer Mannschaft aus dem Ausland zu messen“.

Solche Spiele sind nur vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch ganz selten. Deutsche Mannschaften sind als internationale Gegner nicht gerade willkommen. Doch die Ungarn kommen, die Politik in Budapest und im Osten Deutschlands will es so, als Freunde. Auch wenn sie nicht die erste Geige in ihrer Heimat spielen, gefallen sie mit ihrer Technik und mit ihrer Schnelligkeit. „Die ungarische Mannschaft demonstrierte uns etwas“, macht Schön aus, „an dem wir immer wieder in unserem Spiel zu feilen haben, und zwar das schnelle Spiel und das Freilaufen“.

Trotzdem ist der Sachsen-Trainer voll des Lobes über sein Team. Ein Spiel auf Augenhöhe ist, zumal nach dem stürmischen Beginn der Gäste, kaum zu erwarten gewesen. Deshalb ist es überraschend, dass am Ende der Ausgleich gleich mehrfach in der Luft liegt. „Die sächsische Mannschaft, so glaube ich, hat trotz aller Mängel selbst das verwöhnte Berliner Publikum überrascht“, sagt Schön.

Danach geht es zum Bankett ins Hotel Adlon. Im dortigen kleinen Saal ergreift Herbert Warnke, Vorsitzender des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), das Wort und legt launig los: „Es ist für mich gar nicht so einfach. Soll ich sie nun als alter Fußballer oder als Vorsitzender des FDGB begrüßen? Da aber Sport von den täglichen Dingen des Lebens nicht zu trennen ist, so glaube ich beiden Teilen gerecht zu werden, wenn ich das erste Glas als Fußballer und gleich daran anschließend das nächste als Gruß des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes leere.“ Auch Erich Honecker, Vorsitzender der Freien Deutschen Jugend (FDJ), ist vom „herrlichen Spiel im Stadion Mitte“ beeindruckt.

Überaus euphorisch fällt der Kommentar im Osten der Stadt aus. „Farbige letzte Spielminuten, die Zuschauer sind betrübt, als der Schlußpfiff ertönt, so schnell lief dieser interessante farbige Spielfilm ab“, heißt es im mit diesem Spiel erstmals erscheinenden Wochenblatt „Die Neue Fußball-Woche“. Und weiter: „Es hätte bei entsprechender Nachtbeleuchtung bis Montag früh weitergehen können. Es war nämlich das beste Fußballspiel der Nachkriegszeit, das Berlin sah.“

Von Robert Klein

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