12.01.2019

Kniebeugen und Klimmzüge

In dieser Woche vor 40 Jahren

Es ist bereits Tradition, dass Spitzensportler in der DDR zu Beginn eines neuen Jahres als Zugpferde für einen Wettbewerb gewonnen werden, dessen Disziplinen mit der eigenen Sportart nur wenig bis gar nichts zu tun haben. In den meisten Fällen aber ist es so, dass die Asse auch in fremdem Metier eine gute Figur abgeben, wie eben bei dem Kraftsport-Wettbewerb „Stärkster Lehrling gesucht“. Dabei geht es darum, mit einer 25-kg-Hantel auf der Schulter in einer Minute möglichst viele Kniebeugen zu machen, um die höchstmögliche Anzahl von Klimmzügen in einem Zeitlimit, um Beugestütze am Barren und um eine Top-Weite im Schlussdreisprung.

Im Vorjahr schwitzten die Meisterkicker von Dynamo Dresden bei den Übungen, Sprint-Ass Marlies Oelsner war dabei, 1976 in Montreal Goldmedaillengewinnerin mit der 4x100-Meter-Staffel und am 1. Juli 1977 die erste Frau, die die 100 Meter unter elf Sekunden (10,88) lief und einen Fabel-Weltrekord aufstellte. Selbst Schlagerstar Frank Schöbel versuchte sich und Fußball-Nationaltorwart Jürgen Croy hatte eine Trophäe für den Stärksten der Starken gestiftet. Nun also, im Januar 1979, legen die Stars des BFC Dynamo ihre Bestmarken vor.

In der DDR-Oberliga macht den Männern um Trainer Jürgen Bogs derzeit niemand etwas vor. Ganz souverän ziehen die Dynamos in der Meisterschaft ihre Kreise und eilen dort von Rekord zu Rekord. Zwölf Siege aus den 13 Spielen der Hinrunde bei einem Unentschieden – Titelverteidiger Dynamo Dresden erreicht im Heimspiel wenigstens ein 1:1, liegt aber mit sechs Punkten Rückstand abgeschlagen auf Platz 2 – sind für den souveränen Herbstmeister durchaus titelverdächtig. Auch bei den Torjägern sind die Knipser in Weinrot ganz vorn dabei. Wolf-Rüdiger Netz liegt mit neun Treffern gemeinsam mit Joachim Streich (1. FC Magdeburg) und Eberhard Lippmann (Stahl Riesa) auf Platz 1, dahinter folgt Hans-Jürgen Riediger mit acht Toren.

Doch bei den Übungen zum „Stärksten Lehrling“ hält zumindest Mannschaftsleiter Joachim Hall den Ball flach: „Rekorde wird wohl kein Lehrling von uns erwarten. Doch Lust zum Sporttreiben und zum Mitmachen wollen wir durchaus wecken.“
Um Rekorde geht es tatsächlich nicht, denn die Latte liegt in jeder Disziplin ziemlich hoch. Assistenztrainer Martin Skaba schlägt gar die Hände über seinem Kopf zusammen, als er von der DDR-Bestleistung im Schlussdreisprung hört: 10,25 Meter! Diese Weite knacken seine Schützlinge zwar nicht, aber die 8-Meter-Sätze von Lutz Eigendorf (8,12 m) und Netz sind eine ganz ordentliche Hausnummer. „Auf den ersten Blick sieht diese Disziplin nach Vergnügen aus“, findet Eigendorf, „trotzdem sind auch hierbei Muskelkraft und eine solide Technik die engsten Verbündeten.“

Was die Spieler mit Frank Terletzki an der Spitze zeigen, ist keineswegs von schlechten Eltern. Der Kapitän geht in der Spielhalle im Dynamo-Objekt an der Steffenstraße mit gutem Beispiel voran. So legt der 28-Jährige blitzsaubere 52 Kniebeugen innerhalb des Zeitlimits hin. Außer Atem aber kommt auch er und muss feststellen: „Die Übungen verlangen den ganzen Kerl. Hut ab vor all den Lehrlingen, die sich selbst überwinden und 50 oder mehr Kniebeugen schaffen.“

Auch Rainer Troppa, der Vorstopper, und Hartmut Pelka, der Stürmer, tragen sich in die Liste prominenter Namen ein. Beide prüfen ihren Bizeps bei den Beugestützen am Barren. Körner sind auch hier gefragt – allerdings ausnahmsweise nicht in den Beinen, eher in den Oberarmen. Während Pelka 26 Beugen schafft, macht Troppa bei 22 schlapp. Die Niederlage im Duell des Verteidigers gegen den Angreifer wurmt ihn. „Da war mehr drin“, ist er von sich enttäuscht, schüttelt deshalb seine Arme aus, strafft sich und geht ein zweites Mal ans Gerät und geht erst bei 31 ab. Na bitte, gar nicht schlecht! Die ersten Orientierungspunkte bei diesem Wettbewerb sind damit gesetzt.
Dem Ballgefühl haben die Übungen indes nicht geschadet, zumal die Rückrunde erst am 17. Februar beginnt und das Testspiel gegen den sowjetischen Armeeklub aus Elstal nach Toren von Netz (2), Riediger und Reinhard Lauck 4:1 gewonnen wird.

Von Robert Klein

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