17.11.2018

Kälte, Regen und 78 Tore

In dieser Woche vor 25 Jahren

Es ist kalt, es regnet. Es ist Mitte November. Kein ideales Fußballwetter, aber hilft ja nix. Spielplan ist Spielplan. Auch in der Landesliga wird natürlich gekickt, die Hinrunde biegt in beiden Abteilungen auf die Zielgerade ein. In der 1. Abteilung (18 Mannschaften) steht der 13. Spieltag an, in der 2. Abteilung (17 Mannschaften) der zwölfte. Dieser Novembersonntag wird es in sich haben.

Das Zuschauerinteresse kann sich trotz der unfreundlichen meteorologischen Rahmenbedingungen sehen lassen. Okay, bei Germania 88 entrichten nur 18 Interessierte Eintritt, aber bei über einem Drittel der Spiele kommen 70 oder mehr Zahlende. Sogar 200 Zuschauer (wenn auch deutlich weniger Zahlende) finden sich bei Stern Marienfelde ein, um das Nachbarschaftsduell gegen den Lichtenrader BC zu sehen.

Den Trostpreis bekommen diejenigen ab, die sich für Alemannia 90 gegen den 1. FC Neukölln entscheiden. Sie sehen das einzige 0:0 aller 17 Begegnungen. In einer Partie, in der – wen wundert’s bei dem Ergebnis – die Abwehrreihen dominieren. Das ist allerdings die Ausnahme. Insgesamt fallen sensationelle 78 Tore. Das macht einen Schnitt von 4,59. So ein Wert ist sonst eher in der Kreisliga B zu finden.

Am meisten für den ungewöhnlichen Schnitt tun Hertha 06 und Cimbria 1900, also eigentlich Hertha 06. Endstand 9:2 nach 1:0 zur Halbzeit. Bester Mann der Gäste ist Torwart Lange, das will in dem Fall etwas heißen. Auch er kann jedoch nicht verhindern, dass Hertha 06 zwischen der 50. und 60. Minute viermal trifft.
Zwei Tore weniger, aber deutlich mehr Spannung bietet das 18-Zuschauer-Spiel von Germania gegen Normannia 08. Schade eigentlich, dass nicht mehr Leute dabei sind. Germania liegt bereits 2:4 zurück, gewinnt aber noch 5:4. Ebenfalls weit über Schnitt bewegen sich die Spiele VfB Britz – BSC Rehberge (3:5), NARVA gegen SC Siemensstadt (8:0), Eiche Köpenick gegen SD Croatia (0:7) und Schwarz-Weiß Spandau gegen Neuköllner SF (4:3). Der Spielbericht gibt einen Hinweis darauf, was die Torflut auf den Plätzen ausgelöst haben könnte. Von „miserablen Verhältnissen auf einem bis zur Oberlippe vollgesaugten Kunstrasenplatz“ ist die Rede. Dies scheint den Gästen zunächst besser zu liegen, sie führen 2:0. Dann noch einmal 3:2. Aber: „Der Kraftaufwand war auf Dauer zu hoch.“ Folge: Spandau gewinnt 4:3. Wo über Schnitt gespielt wird, muss logischerweise woanders unter Schnitt getroffen werden. So zum Beispiel bei Marienfelde – LBC (0:1), BFC Preussen – FC Brandenburg 03 (1:0) sowie 1. Traber FC – VfB Einheit zu Pankow (0:2). Bei Traber pfeift der 20 Jahre alte Schiedsrichter Manuel Gräfe von Hertha 03.

25 Jahre ist das jetzt her. Nicht nur im Fußball eine lange Zeit. Daher lohnt abschließend ein Blick auf die Vereine. Wer war dabei? Wo sind die Klubs heute? Fangen wir mit denen an, die es nicht mehr gibt. Zumindest nicht unter diesem Namen. Der VfB Britz hat durch die Fusion mit PSV Gropiusstadt nur deren Concordia dazugewonnen. Auch von Nord-Nordstern ist nach dem Zusammengehen mit Rapide zum SV Nord Wedding zumindest ein Teil des Namens übrig. Aus NSF sind die Sportfreunde Neukölln-Rudow geworden und Cimbria heißt jetzt NSC Cimbria-Trabzonspor. Keine Hinweise auf den alten Verein bieten andere: Aus dem traditionsreichen 1. FC Neukölln wurde der 1. FC Novi Pazar 95, Olympiakos heißt jetzt FC Hellas, ­NARVA (in der DDR einst in der zweithöchsten Spielklasse) ging in den FC Treptow über und wer den SV Preußen (nach der Wende zunächst unter SV Eumako Weißensee firmierend, dann fusioniert mit dem PFV Bergmann-Borsig) sucht, wird beim Weißenseer FC fündig.
Auch sportlich hat sich einiges geändert. Von den 35 Teams aus dem Jahr 1993 spielen aktuell lediglich acht in der Landesliga. Am weitesten nach oben ging es für den Berliner AK (Regionalliga). Hertha 06 ist in der Oberliga, Croatia, SV Empor, BFC Preussen und TSV Rudow sind in der Berlin-Liga. Ganz unten in der Kreisliga C spielt der RFC Liberta. Nur eine Klasse höher unter anderem Deutschlands ältester noch existierender Fußballklub Germania 88 und der ebenfalls auf eine große Geschichte zurückblickende BFC Alemannia 90.

Von Sebastian Schlichting

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