29.07.2018

Geld regiert die Fußballwelt

Ein Gastbeitrag von Gerd Thomas, 1. Vorsitzender des FC Internationale

Foto: JouLux

Nach der WM wird es mit großer Wahrscheinlichkeit neue Transferrekorde geben. Vielleicht nicht für deutsche Nationalspieler, aber der Profifußball läuft in seinen Spitzen finanziell längst aus dem Ruder. Doch auch im Amateurfußball wird der Geldhahn aufgedreht wie nie. Schon in der ablaufenden Saison wurden teilweise absurde Summen gezahlt. Doch was in Berlin zurzeit geschieht, ist geradezu aberwitzig. Längst wird nicht mehr davor zurückgeschreckt, Jugendspielern in der Verbands- oder Landesliga Geld zu zahlen, auch wenn die Präambel der BFV-Jugendordnung das eigentlich unterbinden sollte. Doch viele halten sich einfach nicht daran. In der Hoffnung, mit der Verlockung eines aufgebesserten Taschengelds von durchaus mal deutlich dreistelligen Bereich, Meisterschaften oder Aufstiege zu erringen. Das Problem: Nur wenige U-Bahn-Stationen weiter zahlt ein anderer Club noch mehr. Ein erzieherischer Auftrag ist vielerorts nicht mehr zu erkennen, von überehrgeizigen Trainern und Funktionären auch nicht gewollt. Lieber bringen sie schon 16-jährigen Kickern bei, ihrem Hobby keinesfalls honorarfrei nachzugehen. Beim Jugendverbandstag wurde von einem Verein erzählt, der sich gerade eine Jugendabteilung samt Trainer zusammenkauft und schon Geld für 12-jährige zahlen soll. Erzählt wird viel, aber leider ist auch vieles denkbar.

Naturgemäß toppt der Männerbereich diese Entwicklung deutlich. Inzwischen tummeln sich neben diversen Bauunternehmern, Immobilien- und Börsen-Spekulanten, Krypto-Millionären und Versicherungsagenten sogar chinesische Investoren und planen, den Berliner „Amateur“-Fußball mit bisher für unmöglich gehaltenen Summen zu überfluten. Den meisten Vereinen fällt nichts Besseres ein, als noch höhere Saläre als bisher für die Spieler auszuschütten. Vierstellige Festgehälter in der Landesliga sind keine Seltenheit mehr. Das Rattenrennen nimmt seinen ruinösen Lauf. Auf welche Weise das Geld fließt soll hier lieber nicht erörtert werden. Aber natürlich wissen alle im Berliner Fußball, dass es bei den wenigsten legal zugeht. Oder kennt jemand reihenweise Berlin- oder Landesliga-Spieler, die ihr Geld versteuern, womöglich sogar angestellt sind und Sozialabgaben zahlen?

Spricht man die Missstände unter Vorständen oder „Managern(!)“ an, lautet die Antwort lapidar: „Das machen doch alle so.“ Man musste sich in Berlin schon immer ein bisschen mehr trauen. Wenn das mal kein böses Ende nimmt, denn nicht nur für Spielmanipulationen oder wegen Annahme von Flachbildschirmen kann man zu Freiheitsstrafen verurteilt werden.

Man kann den wagemutigen Funktionären nur wärmstens die Reportage von „sport inside“ empfehlen, in der die Machenschaften von Vereinen im Kreis Augsburg dargestellt werden. Einer der dortigen Vereine hat nunmehr einen vorbestraften Vorstand und muss aufgrund einer hohen sechsstelligen Steuernachzahlung kleinere Semmeln backen. Doch das alles scheint in Berlin kaum jemanden zu schrecken. Auf der Strecke bleiben die Vereine, die den Amateurstatus wirklich noch pflegen. Oft genug bilden sie junge Spieler aus und verlieren diese an nicht selten dubiose Vereinspräsidenten, die mit einer prall gefüllten Brieftasche protzen und am Wochenende in der Kabine üppig gefüllt Umschläge verteilen. Tritt der Gönner – meistens gleichzeitig der Präsident des Vereins – von seinen „Verpflichtungen“ zurück, steht schnell mal ein Konkurs ins Haus. Dieser wird gern verschleppt, um gleichzeitig mit hektischen Bemühungen den nächsten Geldgeber zu suchen und das Spiel von vorne zu beginnen. Da die Clubnamen allgemein bekannt sind, müssen sie hier nicht noch einmal erwähnt werden.

In der Berliner Landesliga wird es in der neuen Saison eine Vielzahl von Spielern geben, die deutlich im vierstelligen Bereich verdienen – monatlich versteht sich. Was macht das mit dem Fußball? Enge Vereinsbindungen sind kaum noch herzustellen, gemachte Zusagen werden dreist gebrochen, das scheinheilig von allen kritisierte – weil teure – Legionärswesen wird befördert. Die meisten Spieler treten vor dem 30.06. erst einmal aus, um einen Club zu finden, bei dem sie mehr als bisher verdienen können. Vereine mit vorbildlicher Jugendarbeit fragen sich zunehmend, wofür sie die Spieler fußballerisch und charakterlich ausbilden. Jugendleiter und -trainer werfen die Arbeit hin, weil ihnen zum Lohn für die immer anspruchsvollere Arbeit die mühsam ausgebildeten Spieler weggenommen werden. Als Dank werden sie anschließend von Eltern oder den abwerbenden Vereinen beschimpft, warum die für den Verein ohnehin schon äußerst bescheidene Ausbildungsentschädigung so hoch ausfällt.

Eine Lösung ist kaum in Sicht. Es ist so viel Geld im Land unterwegs, dass immer neue Glücksritter auf der fußballerischen Bildfläche erscheinen. Die Großen machen es vor, da will manch plötzlich reicher Erbe oder Spekulant auch mal den Westentaschen-Abramowitsch spielen. Sorgen machen sollte diese Entwicklung nicht zuletzt den Profivereinen. Denn wenn eine geordnete und sinnvoll gestaltete Jugendarbeit auf dem Rückzug ist, weil sie sich für die Vereine schlicht nicht mehr lohnt, dann kriegen auch die Nachwuchsleistungszentren ein Problem. Und zwar schneller als sie denken. Belege für diese These gibt es durchaus.

Niemand weiß, welcher 10- oder 12-Jährige es später zum Profi bringt. Bisher haben viele Vereine immer in der Hoffnung ausgebildet, die eigene Herrenmannschaft später mit guten Eigengewächsen zu bestücken. Das ist vorbei, es sei denn, man beteiligt sich am Transferwahnsinn und macht Spielern, in deren Ausbildung man viel Geld investiert hat, ebenfalls verlockende Angebote. Ein Blick auf die Teams in der Oberliga oder Berlin-Liga ist recht aufschlussreich. Denn viele der dort vertretenen Vereine halten scheinbar nicht viel von einer nachhaltigen Jugendarbeit. Wahrscheinlich ist sie ihnen zu anstrengend, oder es fehlt ihnen schlicht die Kompetenz. Stattdessen setzt man auf das Modell der Spieler-Fledderei und lockt junge Menschen genau wie Jugendtrainer mit abenteuerlichen Summen. Das funktioniert aber nur so lange, wie es Vereine gibt, die dieses Prinzip bedienen. Man hört zunehmend von Jugendleitern, dass ihnen die Lust vergeht.

Ein anderer unangenehmer Nebeneffekt ist, dass viele junge Spieler Ausbildung und Beruf vernachlässigen, weil es im gehobenen Amateurfußball so viel Geld zu verdienen gibt. Das geht spätestens bis zum nächsten Kreuzbandriss gut. Kommt der erst mit 29, stellt mancher fest, dass er 10 Jahre zuvor besser auf eine Ausbildung gesetzt hätte. Aber wahrscheinlich ist das nur die Ansicht eines unverbesserlichen Sozialromantikers.

Gerd Thomas, FC Internationale

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