Der gesamte Berliner Fußball auf einem Blick

Der gesamte Berliner Fußball auf einem Blick

Karlsruher FV

Telegramm aus Leipzig

Wie der Karlsruher FV um eine mögliche Meisterschaft gebracht wurde

Von Winfried Weber


Karlsruhe-Nordwest, Stadion an der Telegrafenkaserne. An der Seite, die zur Hertzstraße führt,  befindet sich eine kleine Tür. Eigentlich dient sie dazu, Bälle zurückzuholen, die während des Spiels über die Mauer geflogen sind. Nach 1933 erfüllt diese Tür aber noch einen anderen Zweck: Bei den Heimspielen des Karlsruher FV kommt öfters ein Mann an diese Tür. Er wird eingelassen. Seinen Mantel muss er ausziehen, er könnte ihn verraten. Dann mischt er sich unter die Zuschauer. 

Rund 25 Jahre zuvor lagen die Dinge noch ganz anders. Da stand dieser Mann unten auf dem Rasen und ging für den KFV auf Torejagd. Dank seiner Tore holten die Badener etliche Titel – bis hin zur Deutschen Meisterschaft. In sechs Länderspielen für Deutschland erzielte er 14 Tore und verzeichnete damit eine bis heute unerreichte Quote (2,33 Tore pro Spiel). Bei den Olympischen Spielen, die 1912 in Stockholm ausgetragen wurden, erzielte er beim 16:0-Sieg der deutschen Mannschaft über Russland allein zehn Tore – diese Marke hat bis heute Bestand.
 
Dieser Mann war Gottfried Fuchs. Sein „Makel“: Er war Jude. Nach 1933 lernte er die Schattenseiten des Lebens kennen. Der einstmals angesehene und gefeierte Stürmer wurde zur persona non grata. Die Nationalsozialisten „korrigierten“ die Fußball-Statistiken und strichen damit seinen Namen aus der Geschichtsschreibung. 1937 emigrierte er über die Schweiz und Frankreich nach Kanada. Gottfried Fuchs, der in Kanada unter dem Namen Godfrey Fochs lebte, verstarb am 25. Februar 1972 in Montreal. Trotz all der Demütigungen, die er erleiden musste, erging es Gottfried Fuchs dabei noch wesentlich besser als seinem kongenialen Sturmpartner Julius „Juller“ Hirsch, nach dem in Berlin die gleichnamige Sportanlage benannt ist. Hirsch landete 1943 in Auschwitz-Birkenau. Sein genaues Todesdatum ist unbekannt. Julius Hirsch wurde 1950 per 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Mitgründer Walther Bensemann

Walther Bensemann, der später noch Fußball-Geschichte schreiben sollte, war 1891 eine der treibenden Kräfte bei der Gründung des Karlsruher FV. Das erste Spiel seiner Vereinsgeschichte verlor der Klub im März 1892 gegen den ebenfalls von Walther Bensemann gegründeten Internationalen Footballclub mit 0:1. 1894 schloss sich der Internationale Footballclub dem KFV an. Der Karlsruher FV gehörte zu den 86 Gründungsmitgliedern, die am 28. Januar 1900 im Leipziger Restaurant „Zum Mariengarten“ den Deutschen Fußball-Bund aus der Taufe hoben. Seine erfolgreichste Zeit erlebte der Verein vor dem Ersten Weltkrieg.

Das verhängnisvolle Telegramm

Schon 1903, als erstmals die Deutsche Meisterschaft ausgetragen wurde, griff man beherzt in die Trickkiste. Im Halbfinale sollte der KFV auf den DFC Prag treffen. Vor der Abreise der Karlsruher traf ein Telegramm aus Leipzig mit der Spielabsage ein. Die KFV-Verantwortlichen ließen sich täuschen und traten die Reise nicht an. Ein verhängnisvoller Irrtum. Bald stellte sich heraus: Das Telegramm kam nicht vom damals in Leipzig ansässigen DFB, sondern war eine dreiste Fälschung. Bis heute konnte nicht geklärt werden, wer dieses Telegramm verschickt hatte. So wurde dem KFV durch eine Betrügerei die erste große Chance auf den deutschen Meistertitel genommen. Nach Vizemeisterschaft und diversen süddeutschen Titeln sollte die große Stunde der Karlsruher aber noch kommen. Der Treffer, den Max Breunig am 15. Mai 1910 im Finale gegen Holstein Kiel erzielte, hievte den Karlsruher FV unter seinem englischen Trainer William Townley endgültig auf den Thron: Deutscher Meister 1910. 

Enorme Anziehungskraft

Welche Anziehungskraft der Verein aus dem Karlsruher Nordwesten früher besaß, spiegelt vielleicht am besten die Geschichte von Kurt Ehrmann wieder. Im Karlsruher Osten groß geworden, war der junge Kurt schon recht früh mit dem KFV-Virus infiziert und pilgerte zu Fuß zu den Spielen ins KFV-Stadion: Anderthalb Stunden Fußmarsch hin – und auch wieder zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg brillierte Kurt Ehrmann im schwarz-roten Trikot des KFV. „Kaddel“ Ehrmann erreichte mit den Badenern das Endspiel um die Deutsche Amateurmeisterschaft 1951, das im Berliner Olympiastadion ausgetragen wurde.
 
Der KFV lag gegen den ATSV Bremen 1860 scheinbar aussichtslos mit 0:3 zurück. Von „Kaddel“ Ehrmann auf der linken Läufer-Position unaufhörlich angetrieben, fanden die Karlsruher zurück ins Spiel und kamen am Ende noch auf 2:3 heran. Kurt Ehrmann ist der letzte noch lebende A-Nationalspieler des KFV (ein Einsatz 1952 gegen Luxemburg). Darüber hinaus nahm er 1952 an den Olympischen Spielen in Helsinki teil. Ehrmann war ein glänzender Entertainer, der sein Publikum immer wieder mit Kabinettstückchen zu begeistern wusste. Noch heute erzählt er mit diebischem Vergnügen, wie er sich einmal im Fünfer auf den Ball setzte. Den Torhüter hatte er zuvor lässig ausgespielt. Als der „Goalie“ erneut verzweifelt heranhechtete, vollstreckte „Kaddel“ Ehrmann kaltblütig. Das Publikum im Stadion tobte. Obwohl Kurt Ehrmann nach eigenen Worten KFV-er mit Leib und Seele war und auch Top-Angebote aus Hamburg, Freiburg oder Kiel ablehnte, schied er als Spieler im Unfrieden vom Verein. Der KFV-Vorstand hatte sich nicht an Abmachungen gehalten. Später engagierte sich Ehrmann im Vereinsleben und sagt auch heute noch, dass der Karlsruher FV sein Verein sei, für den er „mit Leib, Lust und Liebe“ gespielt habe.

Abstieg und Neuanfang

Den letzten größeren Erfolg konnte der Karlsruher FV 1974 mit dem Gewinn der nordbadischen Amateurmeisterschaft feiern. Zwei Jahre später begann der tiefe Fall in die Niederungen des Fußballs. Vom Aufstieg in die Verbandsliga 1991 abgesehen, ging es für die Karlsruher nur noch abwärts. Die Talsohle war erreicht, als man vor einigen Jahren nicht mehr in der Lage war, die Verbandsabgaben zu bezahlen und 2004 vom Badischen Verband vom Spielbetrieb ausgeschlossen wurde. Obwohl der Verein nicht mehr aktiv war, wurde er dennoch nicht aus dem Vereinsregister gelöscht. Inzwischen seiner Heimat beraubt, startete der Karlsruher FV 2007 unter seinem neuen Vorsitzenden Alexander Etzel einen Neuanfang in der C-Klasse. Ein großer Name ist zurück auf der Fußball-Bühne. Im Mai 2010 jährt sich der Titelgewinn zum 100. Mal. 

Fast ein Dutzend Nationalspieler

Die Liste der Namen, die beim KFV als Spieler, Trainer oder Funktionär tätig waren, liest sich wie das „Who is Who“ des deutschen Fußballs der Frühzeit: Walther Bensemann  (gründete den „Kicker“), Dr. Ivo Schricker (Generalsekretär der FIFA, wurde mit dem KFV 1905 Deutscher Vizemeister), Friedrich Wilhem Nohe (1904 bis 1905 1. Vorsitzender des DFB und von 1898 bis 1907 Vorsitzender des Süddeutschen Verbandes), Gottfried Fuchs, Fritz Förderer, Julius Hirsch, Ernst Hollstein, Wilhem Gros, Max Breunig, Hermann Bosch, Ludwig Damminger, Lorenz Huber, Franz Immig – allesamt Nationalspieler des KFV vor und nach dem Ersten Weltkrieg. 
 
Nach 1945 trugen u.a. Ehrmann, Manfred Eglin, dreifacher Amateurnationalspieler und Olympiateilnehmer in Melbourne 1956, Johann Herberger, eine Neffe des Bundestrainers, Gustav Witlatschil, ehemals Profi beim Karlsruher SC, und Arnold Dybek, später Profi bei Schalke 04 das schwarz-rote Trikot des KFV. Große Namen schmückten auch die Trainerbank: Neben Meistertrainer Townley (zuvor DFC Prag, später SpVgg Fürth) zählten dazu der Schotte James Lawrence, der ehemalige KFV-Spieler Max Breunig, Rolf Kahn (ehemals KSC-Profi und Vater von Oliver Kahn) sowie der ehemalige Nationalspieler Bernie Termath (als Spieler 1955 mit Rot-Weiss Essen Deutscher Meister).

An der Telegrafenkaserne

So legendär wie der Verein war auch das Stadion an der Telegrafenkaserne, die Heimstätte des oft als „Judenklub“ verunglimpften Karlsruher FV. Am 1. Oktober 1905 in Betrieb genommen, hatte es zunächst eine Kapazität von 4000 Stehplätzen. Der Zuschauerrekord in diesem Stadion liegt jedoch weit höher. 35.000 Besucher säumten die Ränge am 19. Juni 1949 beim Viertelfinal-Wiederholungsspiel der Deutschen Meisterschaft zwischen Wormatia Worms und den Offenbacher Kickers (0:2). 2006 schlug für das traditionsreiche Stadion an der Telegrafenkaserne das letzte Stündlein. Der KFV musste leidvoll erfahren, dass sich Großmannssucht irgendwann einmal rächt. Die jahrzehntelange Misswirtschaft konnte auf Dauer nicht gutgehen. Und offenbar hatte sich der Verein mit seinem Auftreten viele Feinde gemacht.
 
Obwohl es sowohl Interessenten als auch ein Konzept für die Bewirtschaftung des brachliegenden Klubheims gab, veräußerte die Stadt Karlsruhe einen Teil des KFV-Geländes an einen privaten Investor. Dieser ließ ein Altenpflegeheim bauen. Merkwürdigerweise wurde bei den betreffenden Abstimmungen im Karlsruher Gemeinderat immer darauf hingewiesen, dass der KFV als Verein nicht mehr existiere. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Denn der KFV war zu keiner Zeit aus dem Vereinsregister gelöscht worden. Diejenigen, die das Projekt „Altenheim“ auf diesem Gelände initiiert haben, müssen sich fragen lassen, ob es wirklich notwendig war, das Stadion an der Telegrafenkaserne dem Profit zu opfern. Was von dieser traditionsreichen Stätte übrig blieb: Ein lieblos auf einem Kinderspielplatz aufgestellter Gedenkstein und die Reste der Mauer, die das KFV-Stadion zur Hertzstraße abgegrenzt hat. Zu wenig für einen Verein, der so viel für den deutschen Fußball geleistet hat.
 

Die größten Erfolge des Karlsruher FV

1901–1905, 1910–1912 Süddeutscher Meister
1904 Endrunden-Teilnehmer um die Deutsche Meisterschaft (1:6 bei Britannia Berlin – heute Berliner SV 92)
1905 Deutscher Vizemeister (0:2 im Finale gegen Union 92 Berlin – später Blau-Weiß 90 – in Köln; Halbfinale Freilos; Viertelfinale 1:0 gegen Duisburger FV)
1910 Deutscher Meister (1:0 nach Verlängerung im Finale gegen Holstein Kiel in Köln; Halbfinale 2:1 gegen Phönix Karlsruhe; Vorrunde 1:0 gegen Duisburger SpV)
1912 Deutscher Vizemeister (0:1 im Finale gegen Holstein Kiel in Hamburg; Halbfinale 3:1 gegen SpVgg Leipzig; Vorrunde 8:1 gegen Kölner BC)
1933-1937, 1938–1941, 1943/44
 Gauliga Baden (Beste Platzierung: Dritter 1936)
1950/51, 1952–1963 Oberliga Nord – Beste Platzierungen: Dritter 1954 und 1958, Vierter 1955, Sechster 1953 und 1961
1945-1947 Oberliga Süd
1950–1952, 1957–1976 1. Amateurliga (Nord-)Baden
1951 Deutscher Amateur-Vizemeister (2:3 im Finale gegen TSV Bremen 1860 vor 70.000 Zuschauern im Olympiastadion)
1952 Amateur-Meister (Nord-)Baden
1952-1957 2. Liga Süd
1973 Teilnehmer an der Deutschen Amateur-Meisterschaft
1974
 Amateur-Meister (Nord-)Baden und DM-Teilnehmer
1991 Aufstieg in die Verbandsliga