Der gesamte Berliner Fußball auf einem Blick

Der gesamte Berliner Fußball auf einem Blick

Horst Blankenburg

Der Fußball ist auch nicht besser geworden, vor allem in Deutschland nicht

Ein Gespräch mit Horst Blankenburg

Horst Blankenburg entstammte der Jugend des VfL Heidenheim. Zur Saison 1967/68 wechselte er zum 1. FC Nürnberg und wurde mit dem „Club“ Deutscher Meister. Der Station „Nürnberg“ folgte ein einjähriges Gastspiel beim Wiener Sportclub. Blankenburg konnte die österreichische Vizemeistermeisterschaft feiern. Der Wiener Sportclub erreichte in dieser Saison auch das österreichische Pokalfinale. Dort unterlag das Team allerdings  dem SK Rapid. Seine nächste Station waren die Münchener Löwen, mit denen er aus der Bundesliga abstieg.

1970 klopfte Ajax Amsterdam beim blonden Defensivspieler an. Blankenburg wechselte nach Holland und wurde damit Teil des legendären Ajax-Teams, das in den kommenden Jahren den Fußball beherrschen und revolutionieren sollte. Mit Ajax Amsterdam gewann Horst Blankenburg drei Mal den Europacup der Landesmeister, den Weltpokal, den UEFA-Super-Cup und in den Niederlanden je zwei Mal Meisterschaft und Pokal.
Seine nächste Station war der Hamburger SV. In Hamburg fügte er seiner Titelsammlung den DFB-Pokal und den Euopapokal der Pokalsieger hinzu. Nach einer einjährigen Stippvisite in der Schweiz (Xamax Neuchâtel) war Horst Blankenburg für Chicago Sting am Ball. In der Saison 1980/ 81 ließ Horst Blankenburg seine Profi-Karriere in der 2. Liga Nord bei Preußen Münster ausklingen.
Horst Blankenburg bestritt ein Junioren-Länderspiel. 1973 wurde er, ohne ein A-Länderspiel absolviert zu haben, in die Europaauswahl berufen. In Wembley spielte er in der vom damaligen Bundestrainer Helmut Schön betreuten Auswahl neben Franz Beckenbauer. Hennes Weisweiler bezeichnete Horst Blankenburg einmal als den Spieler, der seiner Vorstellung eines Libero am nächsten kommt. Derzeit lebt Horst Blankenburg in der Nähe von Hamburg und hat zum aktuellen Fußballgeschehen seine ganz eigene Meinung.


w
sk: Hallo Herr Blankenburg, schön, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch nehmen. Sie wohnen jetzt hier in der Nähe von Hamburg. Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Ajax Amsterdam?

Horst Blankenburg: Ja, sicherlich. Bis vor 1 - 2 Jahren haben wir, die Alt-Liga vom HSV und Ajax, regelmäßig gegeneinander gespielt. Einmal in Hamburg, einmal in Amsterdam. Wenn jetzt ein interessantes Spiel steigt, dann fahre ich nach Amsterdam oder die Jungs kommen nach Hamburg rüber.

wsk: Wie gefällt Ihnen denn die Amsterdam ArenA?

HB: Ein wunderschönes Stadion. Schade, dass es zu unserer Zeit noch nicht da war. Das ist schon ein einmaliges Objekt, das sie da hingestellt haben und vor allen Dingen, es gehört dem Verein. Das ist schon eine tolle Leistung.

wsk: Ajax Amsterdam ist ein Verein mit Vorbild-Charakter. In der aktuellen Elf stehen rund 10 Spieler, die aus der eigenen U 19 kommen...

HB: ...ja, das ist ja schon lange bekannt, dass die Ajax-Jugendarbeit das Beste ist, was es überhaupt gibt. Nicht umsonst holen sie immer wieder die besten Spieler von diesem Verein weg. Es ist bekannt, dass man hier gut ausgebildete Spieler bekommt.
Anders geht es bei Ajax auch nicht. Leider müssen sie immer wieder ihre besten Leute verkaufen und trotzdem spielt Ajax noch eine gute Rolle. International zwar nicht mehr so dominant wie früher, aber der Verein zählt zur Spitze in Europa.

wsk: Was hat Sie damals eigentlich bewogen, zu Ajax Amsterdam zu wechseln? War Ajax ein derartiger Top-Club, dass man einfach nicht nein sagen konnte?

HB: Nein, das war etwas anders. Nach dem Bundesliga-Abstieg von 1860 München sollte ich eigentlich nach Köln wechseln. Dort hatte ich einen 4-Jahres-Vertrag. 1860 München wollte eigentlich für mich und meine Familie eine Existenz aufbauen. Das hat aber nicht geklappt, sie haben es nicht gemacht.
Der Wechsel nach Köln hat sich dann auch zerschlagen, weil es vor der offiziellen Transferzeit war. So habe ich noch ein halbes Jahr in der 2. Liga (damals Regionalliga Süd) gespielt. Am Ende war es dann so: egal, was gekommen wäre, ich wäre weg gewesen.

wsk: Kam Ajax auf Sie zu und hat gesagt: Wir brauchen einen neuen Libero, weil Velibor Vasovic demnächst aufhört?

HB: Wie Sie auf mich gekommen sind, das weiß ich nicht. Es war beim Spiel gegen den SV Waldhof Mannheim. Wir haben 5:0 gewonnen und ich habe nicht schlecht gespielt. Beim Rauslaufen hat mir einer auf die Schulter geklopft und sich vorgestellt: „Guten Tag, ich komme von Ajax Amsterdam. Sie hören von uns“. Dann ist der Wechsel zu Ajax über die Bühne gegangen.

wsk: Was war das für ein Gefühl vom Regionalligisten 1860 München zu Ajax Amsterdam zu kommen. Im Grunde zwei völlig verschiedene Welten. 1860 war gerade aus der Bundesliga abgestiegen, Ajax war auf dem Weg nach oben....

HB: Allzuviel wusste ich damals noch nicht. International war Ajax Amsterdam noch nicht so groß. Das Jahr danach war das erste, in dem der Club international etwas gewonnen hat (Anm. der Red.: Europacup der Landesmeister, 2:0 gegen Panathinaikos Athen). Ajax war zwar zigmal niederländischer Meister, aber international hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viel abgespielt.
Ich kannte zwei, drei Spieler aus der Nationalmannschaft und wusste, dass sie in der Saison 68/ 69 den 1. FC Nürnberg (Anm. d. Red. 1:1; 4:0) aus dem Europacup der Landesmeister geworfen hatten, aber viel mehr wusste ich nicht.
Die ersten Trainingseinheiten in Amsterdam waren, ich will jetzt nicht sagen ein Erlebnis, aber auf jeden Fall eine neue Erfahrung. Was da einige drauf hatten, das war schon beachtlich. Das Training hat Riesenspaß gemacht. Wir hatten einen guten Trainer (Anm. d. Red.: Rinus Michels). Da gab es dann Dinge, u.a. im Bereich Kopfballtechnik, die hatte ich in der ganzen Bundesliga so noch nicht gekannt oder gesehen.

wsk: Sie kamen aus der deutschen Bundesliga. Mit dem 1. FC Nürnberg konnten Sie 1968 die Deutsche Meisterschaft feiern. Dann kamen Sie nach Amsterdam und trafen dort auf Spieler, die um Klassen besser waren als ihre Berufskollegen in der deutschen Bundesliga...

HB: So krass will ich das nicht sagen. Der 1. FC Nürnberg war auch eine Spitzenmannschaft. Umsonst sind sie ja schließlich nicht Deutscher Meister geworden. Leider ist das Team danach auseinander gefallen. In meiner Zeit beim Wiener SK waren wir auch erfolgreich. In der Meisterschaft waren wir Zweiter und standen auch noch im Pokalfinale. Und auch bei 1860 München gab es einige Spieler, die durchaus in Holland hätten spielen können. Ich denke da u.a. an Zeljko Perusic. So groß war der Unterschied nicht. Ich selbst hatte ja auch ein Junioren- oder U 23-Länderspiel absolviert, bevor ich nach Amsterdam gekommen bin. Insgesamt hatte ich mir die Mannschaft nicht so stark vorgestellt.

wsk: Über allen stand wohl Johan Cruyff. Sie haben mal über ihn gesagt: „Er konnte einfach alles“.

HB: Ich habe gegen alle Großen der damaligen Zeit gespielt, habe jeden Tag im Training gegen ihn gespielt  - es gab keinen Besseren. Wir haben drei Jahre zusammen in einer Mannschaft gespielt und ich habe keinen besseren Fußballspieler gesehen als Johan Cruyff.

wsk: War Johan Cruyff wirklich ein so schwieriger und eigenwilliger Typ, der immer sagen wollte, wo es lang geht?

HB: Was heißt eigenwillig? Beckenbauer war auch nicht einfach. Das ist doch ganz klar, wenn ich in einem Team dominant und der beste bin, dann habe ich auch was zu sagen und mehr hat Johan nicht gemacht. Das ist doch ganz normal. Johan hat auf dem Platz den Ton angegeben. Ansonsten war er ein Riesenkerl. Ich hatte in drei Jahren keinerlei Ärger mit ihm - ausser auf dem Platz.

wsk: Haben Sie jetzt noch Kontakt zu Johan Cruyff?

HB: Nein, weniger. Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, das ist jetzt fünf oder sechs Jahre her. Johan Cruyff und Ruud Król hatten ein Spiel organisiert. Die Jahrhundertauswahl der Holländer traf auf eine Jahrhundertauswahl der Ausländer, die in Holland gespielt haben. Das war eine schöne Sache. Man hat da nicht nur die alten Kumpels aus der Mannschaft getroffen, sondern auch die ganzen Spieler, gegen die man all die Jahre gespielt hat. Das war wirklich ein einmaliges Erlebnis.

wsk: Ajax Amsterdam hat Anfang der 70er „Voetbal totaal“ gespielt. Das war ein System, in dem ein Rädchen nahtlos ins andere gegriffen hat. Um das spielen zu können, braucht man die richtigen Spieler, die ihr Handwerk verstehen.

HB: Es hat alles gepasst. Als ich nach Amsterdam kam, hatten wir mit Rinus Michels einen Trainer, der selbst unwahrscheinlich diszipliniert war und der auch absolut auf Disziplin geachtet hat. Jeder hatte seine Aufgabe. Man musste genau das tun, was er von einem verlangt hat. Wurde auf Risiko gespielt, konnte Michels ziemlich böse werden.
Das ging dann ein halbes Jahr. In diesem Zeitraum haben wir zwar nicht schön gespielt, aber erfolgreich. Als Rinus Michels gegangen ist, kam mit Stefan Kovacs ein Trainer, der total anders war. Er hat uns viele Freiheiten gelassen. In der Zeit unter Rinus Michels hatten wir so viel Erfahrung gesammelt, dass wir die Klasse hatten, die Freiheiten, die uns Stefan Kovacs gelassen hat, auszunutzen.
Auf dem Platz brauchte er uns nicht viel zu sagen. Die Mannschaftsbesprechung hat bei uns 10 - 15 Minuten gedauert. Johan Neeskens hat gegen den Spielmacher des Gegners gespielt und ansonsten hat er nur gesagt: „Geht raus, Ihr seid besser“. In diesen drei Jahren gab es keine bessere Mannschaft als Ajax Amsterdam.

wsk: Das ist wohl wahr. Ich kann mich erinnern: Im Frühjahr 1973 traf Ajax im Viertelfinale des Europacups der Landesmeister auf den FC Bayern München. In Amsterdam haben Sie die Bayern mit 4:0 an die Wand gespielt.

HB: Ja, gut, aber wir hatten vorher bei einem Freundschaftsspiel in München schon mit 5:0 gewonnen...

wsk: ...bei Freundschaftsspielen kann man sich ja immer rausreden...

HB: ...na ja, von vier Spielen gegen die Bayern haben wir drei gewonnen und das Europokalrückspiel in München, das war ja dann auch so eine Sache. Wie gesagt, zu diesem Zeitpunkt gab es keine Mannschaft, die uns in zwei Spielen schlagen konnte.

wsk: Wie konnte ausgerechnet in den Niederlanden eine Übermannschaft wie Ajax heranwachsen. Die Eredivisie war nicht unbedingt die stärkste Liga in Europa. Es gab Ajax, Feyenoord und den PSV Eindhoven. Wie war das möglich? Ich denke da zum Beispiel an die schottische Liga, wo Celtic und die Rangers national dominieren, international aber zu schwach sind.

HB: Nun, so war es ja bei uns nicht. In Holland gab es fünf, sechs gute Mannschaften. Zum Beispiel der FC Twente war stark, der PSV war damals noch nicht da, wo er heute ist. In Amsterdam hat sowieso keiner gewonnen. Wir haben damals noch in unserem kleinen Stadion gespielt. Da passten 30.000 Zuschauer rein. Hier war es immer nur eine Frage des Ergebnisses. Wir hatten am Ende der Saison ein Torverhältnis von 100:20 Toren.
Die großen Spiele haben wir dann im Olympiastadion ausgetragen, der Rest fand bei uns zuhause statt und da gab es keine Mannschaft, die uns geschlagen hat. Wir wollten gewinnen. Wir hatten eine Riesenstimmung im Team und einen Trainer der mitgemacht hat und auch mit uns los ist. Es hat halt alles gepasst zu dieser Zeit.

wsk: Was hat zum Niedergang dieser großen Ajax- Mannschaft geführt? War es die Tatsache, dass Johan Cruijff nach Barcelona gegangen ist oder lag es einfach daran, dass dieses Team seinen Höhepunkt überschritten hatte?

HB: Es war wohl beides. Entscheidend war jedoch, dass Johan Cruyff weg gegangen ist. Kurze Zeit später hat dann auch Johan Neeskens Ajax verlassen. Dazu kam, dass einige Spieler sich vielleicht überschätzt hatten. Sie haben gedacht, wir brauchen ihn nicht, wir sind gut genug. Dann hat sich allerdings herausgestellt, dass dies nicht der Fall ist. Die Spieler waren nur so lange gut, wie Johan Cruyff da war. Als er dann nicht mehr da war, mussten sie feststellen, dass es nicht mehr ging. Die Mannschaft ist dann recht schnell auseinander gefallen.

wsk:. ...das hat zwei Jahre gedauert...

HB: ...anderthalb Jahre.... nach Neeskens bin ich gegangen, dann Arie Haan und Johnny Rep....das ging dann ziemlich schnell....

wsk: Was gab es eigentlich für Probleme mit Hans Kraay, der Stevan Kovacs und George Knobel auf den Trainerstuhl bei Ajax gefolgt war? Ich habe mal gelesen, dass Sie seinetwegen aus Amsterdam weg gegangen sind.

HB: Ich weiß nicht, ob er was gegen Deutsche hatte. Uns kam es so vor.  Arno Steffenhagen war zwischenzeitlich aus Südafrika zu Ajax gekommen. Wir hatten wegen jeder Kleinigkeit Theater, andere konnten dagegen machen, was sie wollten. Nun, wir waren sicherlich nicht die Einfachsten, aber irgendwann ging es einfach nicht mehr.
Dazu kam, dass ich viereinhalb Jahre lang nur Libero gespielt hatte, als er kam, musste ich dann alles spielen. Vorstopper, im Mittelfeld....alles. Wie gesagt, wir hatten nicht das Verhältnis dazu und auf Dauer wäre es auch nicht gegangen.

wsk: Hatten Sie jemals Probleme in den Niederlanden, weil Sie Deutscher sind?

HB: Überhaupt nicht. Wir hatten eine wunderbare Zeit in Amsterdam. Meine beiden Kinder sind hier geboren. Wir hatten eine Familie, die uns den Haushalt gemacht hat. Er war im KZ. Meine Kinder haben Oma und Opa zu ihnen gesagt. Wir hatten wirklich eine wunderschöne Zeit. Überhaupt kein Problem. Ich muss sagen, ich komme mit dem Menschenschlag gut zurecht. Sie sind etwas anders, vielleicht lustiger und entspannter. Sicherlich haben einige Probleme damit, was damals passiert ist. Ich muss sagen, ich hatte da keinerlei Ärger.

wsk: Hat es Sie nach Ihrer aktiven Zeit nicht noch einmal nach Holland zurückgezogen?

HB: Nein, es war zu spät. 1985 habe ich aufgehört und 1975 bin ich schon aus Holland weggegangen. Das war zu lange. Und ich weiß nicht, ob ich im Verein was hätte machen können. Ich habe es nie probiert. Als ich gegangen bin, hatte ich auch mein Haus und alles verkauft. Ich hätte noch einmal ganz neu anfangen müssen.

wsk: Haben Sie heute noch einen Blick auf die holländische Liga?

HB: Sicherlich, ich weiß alles, was bei Ajax vor sich geht. Ich habe ja auch Kontakt zu Piet Keizer, Johan Neeskens und einigen anderen, mit denen ich regelmäßig telefoniere. Oder Sjaak Swaart, Mr. Ajax, der hat ja über 800 Spiele für diesen Verein absolviert. Ab und zu frage ich ihn, wenn es um Spieler geht für den HSV.

wsk: Machen Sie Scouting für den Hamburger SV?

HB: Nein, das nicht. Aber sie kommen zu mir und fragen: Weißt Du was über den? Oder: Kannst Du nicht mal fragen?

wsk: Sie haben mit Ajax Amsterdam Europapokale gewonnen und auch später mit dem Hamburger SV den DFB-Pokal und auch den Europapokal der Pokalsieger geholt. Der HSV war ja ein deutscher Top-Club....

HB: ...nein, als ich kam, waren sie das nicht. Im Jahr zuvor hatten sie noch um den Abstieg gespielt. Es war das erste Jahr, in dem der Verein wieder Erfolge hatte. Wir waren Zweiter in der Meisterschaft und haben dann noch den Pokal gewonnen. Danach ging dann auch der Europapokal nach Hamburg. Es waren sehr viel junge Spieler da, die sich noch etwas sagen liessen. In Hamburg hat es auch gepasst.

wsk: Wenn Sie die Strukturen  Ajax und den HSV vergleichen. Was war bei Ajax professioneller als es beim Hamburger SV war?

HB: Professioneller will ich noch nicht einmal sagen. Es war anders. Ajax hatte eine bessere Mannschaft und war anders geführt. Das kann man nicht miteinander vergleichen.  Zu den Punktspielen in Holland haben wir uns am Sonntagvormittag getroffen. Bei Heimspielen um 12 Uhr, bei Auswärtsspielen um 10 Uhr oder 10 Uhr 30. Holland ist ja ein kleines Land. Dann sind wir mit dem Bus zum Spielort gefahren. In Hamburg waren wir schon einen Tag vor dem Spiel im Trainingslager. Von daher war es in Hamburg sicherlich professioneller als in Amsterdam. Bei Ajax hatten wir die bessere Mannschaft. Sie haben uns mehr Freiheiten gelassen und es hat sich bezahlt gemacht.

wsk: Wenn Sie heute auf den Fußball schauen, wie nehmen Sie das wahr? Sie waren Spitzenspieler und wenn Sie sehen, was heute Fußballer verdienen, was fällt Ihnen dazu ein?

HB: OK, das kann man nicht mehr vergleichen (lacht). Lieber würde ich heute spielen. Es ist nun mal eine andere Zeit. Mit dem Bosman-Urteil hat man die Tore geöffnet. Ob es nun das Ideale war, das weiß man nicht. Wir haben bei weitem nicht das verdient, was heute bezahlt wird. Früher hat ein Arbeiter 500 verdient und wir dann 2000. Man darf aber nicht vergessen, das war auch eine schöne Stange Geld. Es wurde ein anderer Fußball gespielt. Zu unserer Zeit gab es viel mehr bessere Fußballer, als dies heute der Fall ist. Wenn heute ein Durchschnittsfußballer unfallfrei 100 Meter laufen kann, dann kriegt er beinahe eine Million. Die Jammerei nützt uns allerdings auch nichts. Einen Uwe Seeler könnten Sie heute nicht mehr bezahlen und Johan sowieso nicht....

wsk: ...das ist alles ziemlich inflationär...

HB: Mit dem Bosman-Urteil hat sich da vieles zum Negativen verändert. Das ist leider Gottes so. Der Fußball ist auch nicht besser geworden, vor allem in Deutschland nicht. Wenn ich mich an meine Zeit in der Bundesliga erinnere, dann hatte jede deutsche Mannschaft zwei, drei überragende Spieler. Heute haben sie nicht einmal einen. Die guten Spieler kommen alle aus dem Ausland. Wir haben nichts mehr, leider Gottes.

wsk: Und woran liegt das Ihrer Meinung nach? Die deutschen Jugendmannschaften scheinen mit ihren Titelgewinnen jetzt auch wieder auf einem besseren Weg zu sein.

HB: Das ist auch jetzt erst in diesem Jahr. Sonst hatten wir ja in den letzten Jahren mit den Jugendmannschaften keinen Erfolg. Beim Hamburger SV ist das ganz krass. Ich weiß nicht, wann wir das letzte Mal mit einer Jugendmannschaft etwas gewonnen haben. Das ist sicherlich über 30 Jahre her. Und, Sie dürfen eines nicht vergessen, der letzte Spieler, der beim Hamburger SV von den Amateuren in die Profielf gekommen ist, das war „Brazzo“ Salihamidzic und das ist auch schon länger als 10 Jahre her. Sonst kommt da nichts nach. Da wird sicherlich viel verkehrt gemacht. In anderen Ländern ist man in dieser Hinsicht deutlich erfolgreicher.
Wenn ich überlege, die letzten Jahre beim Hamburger SV. Jeden Tag habe ich in der Zeitung gelesen: „Wir kaufen die größten Talente“ oder haben sie schon gekauft. Und dann haben sie bei uns nicht einmal auf der Bank gesessen oder bei den Amateuren gespielt. Irgendwas lief und läuft auch heute noch verkehrt.
Schauen Sie, in England spielt ein Wayne Rooney mit 16 Jahren in der ersten Mannschaft - und er spielt durch. Clarence Seedorf hat bei Ajax gespielt, Sneijder, Jong kommen mit 17 raus und sind Stammspieler. Und bei uns? Wenn einer zwei Mal in der ersten Mannschaft gespielt hat, heißt es gleich wir müssen ihn schonen, ihm Zeit geben und dürfen ihn nicht verheizen. Also, das passt alles nicht. Da müssen unsere noch viel lernen.

wsk: Vor einigen Jahren hat der HSV den jungen Ben-Hatira aus Berlin geholt. Warum hat der es eigentlich nie geschafft?

HB: Es sind mehrere gekommen. Ich sage ja, da war einer aus Nigeria dabei. Von dem hieß es, er sei der beste Jugendspieler der Welt. Wir haben so viele geholt. Die sind alle wieder weg. Die haben bei uns nicht ein Spiel gemacht. Da muss man sich Gedanken machen. Wir hatten auch in den letzten Jahren verschiedene Trainer in der Jugend und keiner hat es geschafft, jemanden herauszubringen. Der Hamburger SV hat mit den teuersten Etat für die Jugend. 5 Millionen. Das ist sehr viel Geld und es kommt nichts dabei raus. Da muss man sich fragen, was da daneben läuft.
Dann kommt in der Bundesliga heute dazu, dass man junge Spieler spielen lassen muss. Einige Vereine beweisen doch, dass es geht. Der VfB Stuttgart, Bayern München sowieso. Man kann die nicht zwei Spiele lassen und sie dann wieder auf die Bank setzen. Dass die einen Einbruch kriegen ist ganz klar, aber man muss sie spielen lassen. Aber man lässt sie nicht. Die Trainer haben Angst, dass sie fliegen, wenn sie verlieren. Da ist einfach keine Linie drin.

wsk: ... mit Sicherheit nicht. Dazu kommt ja noch, macht man heute mal ein gutes Spiel wird man auch gleich Nationalspieler...

HB: ...das ist sowieso ein Witz. Wir haben auch zu wenige, die in ihren Vereinen regelmäßig spielen. Früher musste man in der Bundesliga erst einmal mindestens ein Jahr lang gut spielen, ehe man überhaupt eine Einladung erhalten hat. Heute spielen sie drei, vier Spiele und plötzlich sind sie in der Nationalmannschaft. Das passt nicht.

wsk: ...das ist auch der falsche Weg...

HB: ...wir haben das Glück, dass wir eine Turniermannschaft sind und immer viel Glück mit der Auslosung haben. Im rechten Moment passt es dann irgendwie. Vom Fußball her sind wir weit weg von den Spitzenmannschaften. Weit, weit, weit.... wenn ich die Holländer ansehe oder die Spanier, das ist ein ganz anderer Fußball. Da brauche ich noch nicht einmal die Südamerikaner zu nehmen.

wsk: Warum schaffen es die Niederländer nicht, ein Turnier konsequent gut durchzuspielen? Die legen immer ein paar tolle Spiele hin und scheiden dann mit einem Gurken-Kick aus.

HB: Wahrscheinlich ist das das Problem einer gewissen Arroganz und Überheblichkeit. Genau wie 1974. Wenn die Holländer das 1:0 später machen, gewinnt Deutschland das Spiel nie mehr. Das Tor ist viel zu früh gefallen. Danach wollten sie die Deutschen verarschen. Dann haben sie die Quittung bekommen. Als sie dann in Rückstand geraten sind, konnten sie sich nicht mehr steigern und es war vorbei. Die Deutschen sind giftig in die Zweikämpfe gegangen, aber die wesentlich bessere Mannschaft, das waren die Holländer. Das war über die ganze Weltmeisterschaft die beste Mannschaft, die im Turnier war.
In späteren Jahren war das ja auch so. Wenn man gesehen hat, was die Holländer für eine Vorrunde bei der Europameisterschaft gespielt haben. Und dann gegen die Russen. Da waren sie schon wieder zu überheblich, zu selbstsicher und zu arrogant. Und das ist das Problem.
Dazu kamen jahrelang die Probleme zwischen den Dunkelhäutigen und den Weißen: die ganzen Surinamer waren eine Clique und die Holländer waren eine Clique.

wsk: Würden Sie sagen, die Surinamer bringen das spielerische Element im holländischen Fußball ein? Andererseits, in den großen Zeiten bei Ajax gab es auch keine Surinamer und die Mannschaft hat trotzdem genial und großartig gespielt.

HB: Zu dieser Zeit gab es keine Farbigen bei Ajax. Im Lauf der Jahre waren großartige Weltklasse- Fußballer dabei: Kluivert oder Seedorf, z. B.. Nur, wie gesagt, das Problem war, die Surinamer waren eine Clique und die Weißen waren ein Clique. Ich glaube, in den letzten Jahren hat der Trainer das in den Griff bekommen, dass es jetzt nicht mehr so krass ist. Wenn sie nicht wieder überheblich werden, dann wird es ganz schwer, diese Mannschaft zu schlagen.

wsk: ...ich drücke den „Oranjes“ ja auch immer die Daumen...

HB: ..die spielen den schönsten Fußball. Spanier, Holländer und vielleicht noch die Portugiesen, obwohl die im Moment nicht so stark sind. Die Spanier und die Holländer spielen im Moment den schönsten Fußball, den es gibt.

wsk: Sie waren nie A-Nationalspieler. Ich habe mal gelesen, dass Sie, obwohl Sie auf Vereinsebene (teilweise sogar mehrfach) alles abgeräumt haben, darüber ziemlich traurig gewesen sein sollen. Ist das richtig?

HB: Nein, nein. Soviel bedeutet hat mir das nicht. Ich bin wahrscheinlich der einzige Spieler, der jemals in einer Europa-Auswahl gespielt hatte, ohne überhaupt ein A-Länderspiel absolviert zu haben. Ich habe mich lediglich über die Art und Weise geärgert, wie das abgelaufen ist.
Ich habe 1973 in Wembley in der Europa-Auswahl gespielt. Helmut Schön (Anm. d. Red. der damalige Bundestrainer) hat die Europa-Auswahl betreut. Nach dem Spiel hat er mir gesagt, ich würde vor der WM 74 noch eine Chance erhalten, bei der Nationalmannschaft zu spielen.
Als wir 1973 das Finale gegen „Juve“ gewonnen hatten, kam ein Journalist, der schon eine Woche bei mir war, und sagte, Helmut Schön hätte etwas Negatives geäußert. Ich habe dann einfach gesagt, Helmut Schön könnte mich am Arsch lecken. Das stand am nächsten Tag in den Zeitungen und damit hatte sich das Ding dann sowieso erledigt. Aber sonst hat mich das nicht so geärgert. Es war ja geplant, dass ich 1974 für die Niederlande spielen sollte. Leider Gottes hat das nicht geklappt, sonst hätte ich da gespielt. Franz war der Bessere. Wir haben auch in der Europa-Auswahl zusammengespielt und es hat geklappt. Ich habe Vorstopper gespielt oder wir haben gewechselt. Mich hat dabei wirklich nur die Art und Weise geärgert. Kommt noch dazu, dass ich nach diesem Spiel in der Europa-Auswahl nie mehr was von Helmut Schön gehört habe.

wsk: Wenn Sie noch einmal auf diese drei Jahre zurückblicken, welches war Ihrer Meinung nach die stärkste Ajax Mannschaft?

HB: Bis Johan gegangen ist, hat doch fast immer die gleiche Mannschaft gespielt....

wsk: Ok, fragen wir so rum: wann hatte das Team seine stärkste Phase? 1972 im Finale gegen Inter Mailand?

HB: Den besten Fußball haben wir mit Sicherheit von 1971 bis 73 gespielt, weil wir da die meisten Freiheiten hatten. Mit Rinus Michels war das alles etwas zu statisch und jeder Spieler hatte, nicht Angst, aber doch Respekt, Fehler zu machen. Da war man schnell aus der Mannschaft draußen. Das war bei Kovacs anders. In der Zeit haben wir den besten und schönsten Fußball gespielt. Wir haben im Super-Cup in Glasgow gespielt. Zur Halbzeit stand es 3:0. Da kam der Schatzmeister in die Kabine und sagte: „So können wir nicht nach Hause fahren. Da kommt keine Sau mehr“.

wsk: Sie haben die Spiele dominiert.

HB: Wie schon gesagt, es gab keine Mannschaft, die uns in zwei Spielen hätte schlagen können. Die Spiele, die wir in dieser Zeit verloren haben, die kann man an einer Hand abzählen.

wsk: Bei einer derartigen Dominanz, kam da in der niederländischen Liga keine Langeweile auf?

HB: Nein, Langeweile kam mit Sicherheit nicht auf. Da war ja auch noch Feyenoord. Das war eine enge Kiste. Es war immer eine Sache von fünf, sechs Punkten Unterschied. 1970/ 71 war Feyenoord Rotterdam holländischer Meister. 1970 hatten sie den Europacup der Landesmeister und den Weltpokal geholt. Feyenoord war eine starke Mannschaft. Dies waren immer die entscheidenden Spiele um die Meisterschaft. Wir gegen Feyenoord oder den FC Twente. Eindhoven war zu der Zeit noch nicht ganz so stark.

wsk: Wie muss man sich die Duelle vorstellen?

HB: Das ist so, als ob Dortmund gegen Schalke oder St. Pauli gegen den HSV spielt. Feyenoord hatte zu dieser Zeit eine starke  Mannschaft. In Rotterdam spielten niederländische und ausländische Nationalspieler: Wim van Hanegem, Franz Hasil, Theo de Jong, Rinus Israel, Wim Jansen oder der Schwede Ove Kindvall, der ein brandgefährlicher Stürmer war.

wsk: Der Fußball heute ist athletischer und härter geworden. Was hat sich sonst noch geändert?

HB: Ja, der Fußball ist athletischer geworden. Härter nicht. Früher hatten wir mehr gute „deutsche“ Fußballer, weil weniger Ausländer in der Liga spielten. Junge Spieler hatten eher die Möglichkeit in die 1. Mannschaft zu kommen.

wsk: Ganz am Ende noch eine Frage: Welchen Tipp hätten Sie für den deutschen Fußball?

HB: Sie sollen den Jugendlichen die Freude am Fußball lassen, sie gut ausbilden und auf taktische Zwänge verzichten. Gute Trainer (ehemalige Spieler) sollen die Jungs von klein auf an die Taktik heranführen, die in der 1. Mannschaft gespielt wird. Dann sollten sie auch wieder echte Flügelstürmer ausbilden, mit der Freiheit zum Risiko und Mann gegen Mann.

wsk: Herr Blankenburg, vielen Dank für das Gespräch und für Sie weiterhin alles Gute.