Start Serie Vor 40 Jahren Das erste Strafgericht

Das erste Strafgericht

Drei Wochen vor dem Start der Bundesliga-Saison 1971/72 erschien das Bild der Profimannschaft von Hertha BSC in allen Berliner Zeitungen – wie alljährlich vor der Saison. Zwischen Trainer Helmut Kronsbein und Co-Trainer Hans „Justav“ Eder blickten 20 Profis selbstbewusst in die Kamera. Zu ihnen gehörten auch die beiden Neuen: der 24-jährige Erich Beer (von RW Essen verpflichtet) und der 27-jährige Erwin Hermandung (von Alemannia Aachen).

Jüngster im Aufgebot war der 18-jährige Michael Sziedat, den Hertha von den Berliner Preussen erworben hatte, ältes-ter der 32-jährige Uwe Witt, der als Abwehrchef den Herthanern zum 3. Platz in der Bundesliga verholfen hatte.

Das Bild sollte Zuversicht ausstrahlen, obwohl in der Stadt nicht geringe Unruhe herrschte. Schließlich standen die beiden Hertha-Spieler Bernd Patzke und Tasso Wild nach dem mit 0:1 verlorenen Spiel gegen Arminia Bielefeld im Zentrum der Anklage. Nach dem vom Offenbacher Vorsitzenden Canellas in der Öffentlichkeit erhobenen Anschuldigungen hatte der DFB die ersten Vernehmungen durch seinen Chefankläger Kindermann angeordnet. Der Stuttgarter Landgerichtsdirektor erfüllte den Auftrag mit äußerster Energie und ließ keinen Zweifel an seinem Ehrgeiz, die Angeschuldigten zur Rechenschaft zu ziehen. Nach den stundenlangen Verhören brach das erste Strafgericht wie ein Unwetter herein:

Bernd Patzke wurde mit Lizenzentzug und einer Sperre von zehn Jahren bestraft. Tasso Wild wurde sogar lebenslänglich gesperrt, ebenso der Torwart des 1. FC Köln, Manfred Manglitz. Auf Lebenszeit gesperrt wurde auch der Offenbacher Vorsitzende Canellas. Drei seiner Vorstandskollegen, die als „Geldboten“ durchs Land gereist waren, erhielten langjährige Sperren. Den ohnehin abgestiegenen Offenbacher Kickers wurde die Lizenz entzogen und die Auflage erteilt, sich erst 1972 um eine neue Lizenz bewerben zu können.

Bei Hertha BSC schlugen die drakonischen Strafen für Patzke und Wild wie eine Bombe ein. Die Mannschaft hatte auf dem Hertha-Platz am Gesundbrunnen ein Spiel der sogenannten Intertoto-Runde gegen den FC Zürich 3:2 gewonnen, als die Nachricht der Urteilsverkündung aus Frankfurt am Main eintraf. Entsetzt zeigte sich Trainer Kronsbein: „Ich hatte mit Sperren für unsere beiden Spieler gerechnet, aber nicht in dieser Höhe.  Ich bin fassungslos!“

Die Verhöre und die Urteile waren letztlich jedoch erst der Anfang einer Kette von weiteren Enthüllungen und Verhandlungen. Kaum jemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, wie lange sich der Skandal noch hinziehen würde. Von Woche zu Woche kamen neue Beweise von Manipulationen ans Tageslicht. Als Letzte gaben die Spieler von Schalke 04 zu, Geld entgegen genommen zu haben – nach drei Jahren! Günter Weise

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(Ausgabe Nr. 30)

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Aktualisiert (Donnerstag, 28. Juli 2011 um 13:09 Uhr)

 
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