Fußball in der Villenkolonie
POGON STETTIN: Zählt zu den beliebtesten Klubs in Polen und wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr der Erstliga-Zeiten
Eine Stunde noch bis zum Spielbeginn. Im Zentrum von Stettin, polnisch Szczecin, herrscht normaler Feierabendverkehr. Ansonsten wirkt alles ruhig. Aus der Ferne ist die eine oder andere Sirene zu hören. Nichts Außergewöhnliches in einer Stadt mit 406.000 Einwohnern.
Wenig deutet darauf hin, dass an diesem Abend ein brisantes Fußballmatch in Stettin angepfiffen wird. Pogon Szczecin gegen Gornik Zabrze. Pommern gegen Oberschlesien. Es geht um den Aufstieg in die 1. Liga, die in Polen Ekstraklasa heißt.
Ein paar Polizeiwagen sind auf der Straße zu sehen, aber das muss nicht unbedingt mit dem Spiel zu tun haben. Dennoch bleibt ein bisschen Unsicherheit. Ich weiß nicht, was mich erwartet, war noch nie zum Fußball in der nur 120 Kilometer von Berlin entfernten Hafenstadt. Im Kopfkino laufen für einen kurzen Moment Bilder wild aufeinander einprügelnder Hooligans ab. Vielleicht habe ich etwas zu viel davon gehört und gelesen.
In Polen sind Fan-Freund- und Feindschaften ausgeprägter als westlich von Oder und Neiße, gewalttätige Auseinandersetzungen keine Seltenheit. Über das Verhältnis zwischen Pogon und Gornik ist mir nichts bekannt. Auch deshalb stelle ich mir die Frage: Soll ich lieber ein Taxi nehmen oder doch mit der Straßenbahn zum Stadion fahren? Variante eins verwerfe ich – zu abgeschottet und uninteressant. Ich will wissen, wie sich Fußball in Polen anfühlt.
Also Straßenbahn, Linie 7. Die blauroten Schals der Zusteigenden verraten, dass ich richtig bin. Die Fahrt lohnt sich, die Stadt wird mir sympathischer. Keine Brachen mehr, keine hässlichen, in die Jahre gekommenen Wohnhäuser der 50er Jahre. Stattdessen Altbaustraßenzüge aus der Gründerzeit und Grünflächen. Es geht in den Nordwesten der Stadt – nach Pogodno, der früheren Villenkolonie Braunsfelde.
Die deutsche, genauer preußische Vergangenheit der Stadt ist architektonisch spürbar, sprachlich ist von ihr nichts geblieben. Deutsch (und auch Englisch) spricht kaum jemand in Szczecin. Doch das dürfte sich bald ändern in einem Land, das sich zu Europa bekennt, und in einer Stadt, deren Vororte fast an die deutsche Grenze heranreichen und die inzwischen mit einem Ticket des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg besucht werden kann.
Noch aber bilden Geschichte und Gegenwart keine Einheit. Das imposante Gebäude, das einem am Stadion beim Ausstieg aus der Straßenbahn sofort ins Auge springt, gehört zur Universität. Dass es einst die Taubstummenanstalt Stettins beherbergte, weiß mein polnischer Gesprächspartner an der Tram-Haltestelle nicht – und ich nur aus einem deutschsprachigen Reiseführer.
Die Flutlichtmasten sind bereits zu erkennen. Ein kurzer Fußweg führt hinauf zum nach der Pogon-Legende Florian Krygier benannten Stadion. Vor dem Zweiten Weltkrieg stand hier die 1925 eröffnete Rühl-Kampfbahn, deren Name dem aus Pommern stammenden, 1922 verstorbenen Turnpionier Hugo Rühl gewidmet war. Vorbei an hübschen Einfamilienhäusern mit Garten geht es zum Fußball. Ein Hauch vom früheren Mönchengladbacher Bökelberg, wenn auch nicht so niederrheinisch-wohlhabend.

Dieser Mai-Abend ist angenehm mild. Rauch liegt in der Luft. Rauch, der zum Fußball dazugehört. Auf einem Grill vor der Haupttribüne brutzelt Wurst. Keine Thüringer Rostbratwurst, sondern die etwas herzhaftere, nicht minder begehrte polnische Ausgabe der Grillwurst. Die Haupttribüne der weitgehend unüberdachten und nur auf drei Seiten für Zuschauer nutzbaren Arena ist neu. Ein schmuckes Gebäude mit Geschäftsstelle, Fanshop, VIP- und Pressebereich. Das Sortiment im Fanshop hat Erstliganiveau: Trikots, Schals, Polo- und T-Shirts, Kapuzenjacken, Mützen und Tassen, es fehlt an nichts, was der Anhänger oder Souvenirsammler begehrt.
Das vorentscheidende Aufstiegsduell zwischen Pogon und Gornik Zabrze hat 9000 Fans angelockt – für Zweitliga-Verhältnisse in Polen eine gute Zahl und die Rekordmarke des 29. Spieltags. Die zweitbeste Kulisse (5500) an diesem Abend vermeldet das Spiel GKS Kattowitz gegen Widzew Lodz. Nach Stettin sind zirka 400 Fans aus Zabrze gereist, begleitet von martialisch ausgerüsteter Polizei und eingepfercht in einen engen Käfig. Verband, Behörden und Vereine sind bemüht, die Gewalt und Randale vor und in den polnischen Stadien einzudämmen. Mit Blick auf die Europameisterschaft 2012, die Polen gemeinsam mit der Ukraine veranstalten wird, will der polnische Fußball ein freundliches Gesicht zeigen. Dazu passt, dass in allen Stadien Alkoholverbot herrscht. Was in Stettin fast schon absurd anmutet. Denn Trikotsponsor von Pogon ist die ortsansässige, zum Carlsberg-Konzern gehörende Brauerei Bosman. Deren Bier bleibt draußen, nur im VIP- und Pressebereich wird es nach Spielende in der Flasche angeboten.
Gornik geht als Sieger vom Platz. Nach einer mäßigen ersten Halbzeit legen die Gäste einen Zahn zu und versetzen dem zunehmend müde wirkenden Pogon-Team mit zwei schnellen Kontern den K.o. 0:2, Pogon hat den Aufstieg verspielt. Trotzig zelebrieren die einheimischen Fans ihre Freundschaft mit Legia Warschau, die Stimmung bleibt dennoch entspannt. Ich mache mich auf den Rückweg, nehme wieder die Straßenbahn. Der Gedanke an ein Taxi kommt nicht mehr auf. Horst Bläsig
39 Jahre in Polens Topliga
Pogon traf 1984 im UEFA-Pokal auf den 1. FC Köln
Von Jerzy Chwalek
Jerzy Chwalek (50) ist Redakteur der Tageszeitung Super Express, lebt in Szczecin und stellt die westpolnischen Klubs in der FuWo vor.
Fast hätte Pogon Szczecin (Stettin) in dieser Saison ein kleines Fußball-Wunder vollbracht und sich als Zweitligist für die Europa League qualifiziert. Bis ins Endspiel des polnischen Landespokals drang die Mannschaft aus der pommerschen Hafenstadt vor, unterlag aber im Finale dem Erstliga-Klub Jagiellonia Bialystok in Bydgoszcz (Bromberg) mit 0:1. So stand Pogon am Ende mit leeren Händen da. Kein Pokal-Triumph, kein Aufstieg: Platz fünf belegte die Mannschaft in der Abschlusstabelle der 2. Liga.
Die letzten Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Ekstraklasa, der Pogon 39 Spielzeiten angehörte, schwanden mit der 0:2-Heimniederlage gegen Gornik Zabrze am 29. Spieltag. In den vergangenen Jahren hatte der Klub viele organisatorische und sportliche Erschütterungen zu überstehen, in deren Verlauf Pogon 2007/08 bis in die 4. Liga stürzte. Die Verantwortung dafür trug der damalige Besitzer des Vereins, Antoni Ptak. Er wollte unbedingt, dass die Mannschaft nur aus Südamerikanern besteht. Bezeichnend: In der Saison 2005/06, als Pogon noch in der Ekstraklasa vertreten war, spielte sie gegen GKS Belchatow mit zehn Brasilianern und einem slowakischen Torwart.
Ihre Namen wurden niemandem richtig vertraut, außer vielleicht Edi Andradina. Nach der Saison 2006/07 verließ Ptak die Skandalatmosphäre in Szczecin. Der Starrsinn Ptaks, ein rein brasilianisches Team auf europäischem Niveau in Westpolen etablieren zu wollen, führte den Verein erneut in eine schwere Krise. Die sportlich drittklassigen Samba-Kicker spielten vor spärlich besetzten Rängen, Einnahmen fielen aus, Sponsoren sprangen ab und die Spieler klagten über nicht bezahlte Gehälter. Pogon musste, finanziell schwer angeschlagen, in der 4. Liga neu beginnen, stieg danach aber sofort zweimal in Folge auf.
Der bekannteste Klub der Stadt wurde am 21. April 1948 gegründet, trägt seit 1955 den Namen Morski Klub Sportowy (MKS) Pogon. Name, Wappen und Klubfarben (bordeauxrot/dunkelblau) beziehen sich auf einen der größten und traditionsreichsten Vorkriegsvereine Polens: LKS Pogon Lwow aus dem heute zur Ukraine gehörenden Lemberg. Die Westverschiebung Polens führte den Verein von Galizien an die Oder. 1958 stieg Pogon erstmals in die 1. Liga auf. Trainer war damals Florian Krygier, der für den Klub insgesamt mehr als 50 Jahre lang arbeitete.
Krygier starb 2006 im Alter von 99 Jahren. Seine größten Erfolge feierte Pogon in den 1980er Jahren. Nach zwei Finalteilnahmen im Pokal (1981 und '82) belegten die Pommern in der Saison 1983/84 Platz drei in der Liga und qualifizierten sich dadurch für den UEFA-Pokal. Erstrunden-Gegner war der 1. FC Köln mit Schumacher, Littbarski und Allofs. Die beiden Duelle waren hart umkämpft. Nach dem 1:2 am Rhein verlor Pogon auch das Rückspiel in Stettin 0:1, ließ dabei zwei Strafstöße ungenutzt.
Den einen verschoss der spätere Bundesliga-Profi Marek Lesniak (u.a. Leverkusen, Wattenscheid 09, ab der neuen Saison Trainer in Wattenscheid). In der Stettiner Mannschaft spielte damals auch Marek Ostrowski, WM-Teilnehmer 1986 in Mexiko. 1986/87 (und später auch noch einmal 2000/01) gewann Pogon die Vizemeisterschaft in Polen. In der Mannschaft stand damals neben Lesniak und Ostrowski auch der 2009 (nach fast 17 Jahren im Wachkoma) verstorbene Jerzy Hawrylewicz, der seit 1988 für den VfB Oldenburg aktiv war. 2001 hieß der Besitzer des Klubs Sabri Bekdas, ein Türke.
Der erfolgreichen Mannschaft gehörten u.a. die polnischen Nationalspieler Dariusz Gesior, Jerzy Podbrozny und Grzegorz Mielcarski an. Der ehrgeizige Bekdas konnte sich mit den Behörden der Stadt aber leider nicht auf eine langfristige Zusammenarbeit einigen (es ging um das Gelände am Stadion), drehte den Geldhahn wieder zu und verließ Anfang 2002 Stettin. Ein Jahr später stieg Pogon mit Pauken und Trompeten aus der 1. Liga ab. In der Folge häuften sich die organisatorischen und finanziellen Probleme bis zum tiefen Sturz 2006/07. Derzeit wird der Klub von zwei jungen Geschäftsleuten, Artur Kaluzny und Grzegorz Smolny, geführt. Dariusz Adamczuk (früher Profi von Eintracht Frankfurt) sowie die Stadtbehörden unterstützen das Duo. Ziel ist die schnellstmögliche Rückkehr von Pogon in die polnische Extraklasse.
Service: Anreise mit VBB-Ticket
Stettin ist von Berlin aus bequem und günstig zu erreichen. Entweder mit dem Auto über die A 11 oder mit der Bahn per IC (direkt) und im Regionalverkehr (Umsteigen in Angermünde). Stettin gehört zum Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Eine gute und preiswerte Übernachtungsmöglichkeit bietet das vom Hauptbahnhof (Szczecin Glowny) in fünf Minuten Fußweg zu erreichende Hotel Ibis Szczecin Centrum, ul. Dworcowa 16, 70-206 Szczecin. Preis für ein Doppelzimmer: 169 Zloty (zirka 41 Euro).
Wer sich vor oder nach dem Spielbesuch stärken möchte: Das Restaurant „Pub Radecki“, ul. Tkacka 12, 70-556 Szczecin, ist gemütlich eingerichtet (mit Garten), serviert gutes Essen zu akzeptablen Preisen und frisch gezapftes polnisches Bier (0,5 Liter umgerechnet zirka 1,70 Euro). Die teuerste Eintrittskarte bei Pogon kostet umgerechnet knapp acht Euro.
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