Funkstille zwischen den Trainern
Das gibt es im Berliner Fußball kein zweites Mal: Die TSV Helgoland spielt sowohl mit der ersten als auch mit der zweiten Mannschaft in der Kreisliga A - und belegt mit beiden Teams einen Aufstiegsplatz.

Von Julian Graeber
In den meisten Vereinen besteht zwischen der ersten Mannschaft und der Reserve ein deutlicher Klassenunterschied. Auch die Zielsetzung ist in der Regel klar: Die Reserve dient als Unterbau für die erste Mannschaft und ermöglicht es Spielern, die dort nicht regelmäßig zum Zuge kommen, Spielpraxis zu sammeln. Ganz anders ist die Situation hingegen bei der TSV Helgoland. Seit der Saison 2007/08 spielen die Mariendorfer mit beiden Mannschaften in der Kreisliga A, wobei die Rollen bisher stets klar verteilt waren. Die erste Mannschaft spielte im oberen Mittelfeld mit, während die Reserveum den Klassenerhalt kämpfte.
Durch den für alle Außenstehenden überraschenden Erfolg der Reserve um das Trainerduo Thomas Nießen/Thomas Grau befindet sich der Verein nun in einer im Berliner Fußball einzigartigen Situation. Beide Mannschaften stehen zur Winterpause auf einem Aufstiegsplatz und – auch wenn es im Verein niemand wirklich aussprechen will – zumindest ein Team sollte den Weg in die Bezirksliga antreten, um der Saison das Prädikat „erfolgreich“ zu verleihen. „Diese Saison ist gar kein Aufstieg eingeplant, wir würden uns natürlich trotzdem freuen, wenn eine oder gleich beide Teams es in die Bezirksliga schaffen“, versucht Spielbetriebsleiter Joachim Gaertner die Erwartungen zu drosseln.
Wirklich interessant ist im Volkspark Mariendorf aber nicht nur die Tabellenkonstellation, sondern vor allem die Zusammenarbeit, oder besser gesagt: Nicht-Zusammenarbeit der beiden Mannschaften.
Wo andere Vereine in ständigem Kontakt stehen, gemeinsam trainieren oder sich bei Personalnot zumindest mit dem ein oder anderen Spieler gegenseitig helfen, herrscht zwischen Nießen/Grau und dem Trainer der ersten Mannschaft, Frank Diekmann, Totenstille. Mit dem Grund will im Vorstand niemand wirklich rausrücken, Joachim Gaertner spricht lediglich von „zwei selbstständigen Mannschaften“, die nicht besonders viel miteinander zu tun hätten.
Erst Thomas Nießen bringt etwas Licht ins Dunkel: „Frank Diekmann und ich, das passt einfach nicht. Er mit seiner A-Lizenz ist eher der Professor, ich der Handwerker. Obwohl im Verein hauptsächlich die Erste zählt, haben wir einiges geleistet, deshalb ist es schade, dass vom Vorstand niemand mit uns redet.“
Gespräche zwischen Vorstand und den Trainern sollen laut Gaertner im Januar oder Februar folgen. Dabei soll vor allem geklärt werden, was im Falle des Aufstiegs von nur einer Mannschaft geschieht. Denn sollten beide Teams erfolgreich den Weg nach oben antreten, würden die Mariendorfer wohl auch die Bezirksliga mit zwei unabhängigen Mannschaften bestreiten.
Aufstieg für beide möglich
Joachim Gaertner will den Gesprächen zwar nicht vorgreifen, erklärt aber, dass er es im Falle nur eines Aufsteigers persönlich für sinnvoller halten würde, die bestehenden Strukturen aufzubrechen und einen hochwertigen Kader zu bilden, der wohl auch in der Bezirksliga eine gute Rolle spielen könnte.
Ähnlich sieht es Nießen, der zwar eine Zusammenarbeit der Trainer ausschließt, guten Spielern der Ersten aber nicht die Tür vor der Nase zuschlagen würde: „Sollten nur wir aufsteigen, würde ich Spieler wie Jaster natürlich gerne übernehmen.“ Zudem kündigte Nießen, der sich zur neuen Saison auf den Posten des Sportdirektors der zweiten Mannschaft zurückziehen will, an, dem Vorstand ein Konzept vorzustellen, dass im Falle des Aufstiegs die Verpflichtung eines höherklassig erfahrenen Trainers und den mittelfristigen Durchmarsch in die Landesliga vorsieht.
Diekmann hält hingegen wenig von einer Mischung der Kader und will sich erst mit dem möglichen Aufstieg beschäftigen, wenn die ersten vier Spiele der Rückrunde erfolgreich bestritten werden.
Man darf gespannt sein, wie es im Volkspark Mariendorf weitergeht, wobei sich der Verein einige Probleme ersparen könnte, wenn beide Mannschaften aufsteigen und weiter aneinander vorbei leben. Denn schon die englische Trainerlegende Sir Alf Ramsey wusste: „Never change a winning Team.“
Diesen und viele weitere Artikel in voller Länge finden Sie in der Fußball-Woche (Ausgabe Nr. 1)
Aktualisiert (Donnerstag, 05. Januar 2012 um 12:46 Uhr)
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