Hilfreicher Erfahrungsschatz
Andreas Ottl hat nach 15 Jahren den FC Bayern verlassen.
Von Karsten Doneck
Im Jahrbuch des FC Bayern sollte Andreas Ottl mal angeben, welche Eigenschaften er an sich selbst am meisten schätze. Die Antwort blieb der Abwehrspieler nicht schuldig. Er sei „ehrgeizig, zielstrebig, zuverlässig, ehrlich“. Alles schön und gut, aber so richtig glücklich war er bei den Bayern zum Schluss nicht mehr.
Ottl begann, sich umzuhören, auch bei alten Kumpels aus gemeinsamen Münchner Tagen. „Christian Lell hat mir viel erzählt über Hertha BSC“, sagt Ottl rückblickend. Und weil ihm zudem auch Trainer Markus Babbel und Manager Michael Preetz mit einem Wechsel nach Berlin und offenbar überzeugenden Argumenten dafür in den Ohren lagen, gab Ottl, der gebürtige Münchner, nach. Er unterschrieb bei Hertha einen Dreijahresvertrag.
Nach 15 Jahren Zugehörigkeit zum FC Bayern, unterbrochen lediglich durch ein halbjähriges Engagement beim 1. FC Nürnberg, fiel ihm der Wechsel nicht leicht. „Ein biss-chen Wehmut ist schon dabei“, gestand Ottl in einem sentimentalen Moment. Seit seinem 11. Lebensjahr spielte er beim FC Bayern, schon mit der B- und der A-Jugend des Klubs wurde er Deutscher Meister. Trainer Hermann Gerland holte ihn bereits als 17-Jährigen in den Regionalliga-Kader. Sein Debüt bei den Profis gab er am 13. August 2005 gegen Bayer Leverkusen, eingewechselt in der 47. Minute für Hasan Salihamidzic. Die Bayern siegten 5:2. Weitere 108 Bundesligaspiele für die Münchner folgten. Und 28 Europapokaleinsätze kamen hinzu. Ein reichhaltiger Erfahrungsschatz, den Ottl da in seinem Gepäck für Berlin hat. Hertha-Manager Michael Preetz ahnt: „Ottls Routine wird uns sicher in den nächsten Jahren weiterhelfen.“

Bei Bayern-Trainer Louis van Gaal war Andreas Ottl jedoch ins Abseits gelaufen. Für den Bereich vor der Abwehr wurden ihm Schweinsteiger, van Bommel und Timoschtschuk vorgezogen. Ottl nur vierte Wahl? Der 26-Jährige ließ sich im Winter 2009/10 zum 1. FC Nürnberg ausleihen, machte dort alle 17 Spiele mit und kehrte dann nach München zurück. Dort murrte Uli Hoeneß in der vorigen Saison schon mal ganz offen darüber, dass Ottl bei van Gaal zu selten berücksichtigt werde – ohne Erfolg. Ottl selbst murrte nicht, er fügte sich.
Die „Süddeutsche Zeitung“ bemängelte seinerzeit an Ottl: „Er kommt seinem Beruf oft so unauffällig nach, dass er Gefahr läuft, übersehen zu werden.“ Und über seine fußballerischen Qualitäten hieß es: „Bei Ottl bleibt häufig der Querpass im Gedächtnis hängen. Den überraschenden Pass in die Spitze wagt er nur selten.“
Mit solchen Beurteilungen möchte Ottl in Berlin gerne aufräumen. Keine Frage: Wer vom FC Bayern zu einem Aufsteiger kommt, dem werden in dem neuen Arbeitsumfeld allemal Führungsaufgaben zugetraut. Andreas Ottl wird sich also umstellen müssen.
Diesen und viele weitere Artikel finden Sie in der
Fußball-Woche (Ausgabe Nr. 26)
Aktualisiert (Donnerstag, 30. Juni 2011 um 12:13 Uhr)
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