"Ich brauche keinen Porsche mehr"
Robert Hoyzer war das Gesicht des Fußball-Wettskandals von 2005. Im Exklusiv-Interview mit der Fußball-Woche spricht der mittlerweile 32-Jährige über den Umgang mit seiner Vergangenheit, die Zeit im Gefängnis und erklärt, warum er unbedingt wieder auf den Fußballplatz zurück wollte.

Von Bernd Karkossa und Philipp Stachelsky
Ein verregneter Abend im Berliner Winter. Die Tür zu Tonis Kaiserhof, einer angesagten Jazz-Kneipe am Spandauer Stresow, geht auf. Herein kommt eine imposante Erscheinung. 1,98 m groß, 105 Kilo schwer, nur Muskeln, kein Fett auf den Rippen. Robert Hoyzer ist fit. Der frühere Schiedsrichter, der wegen Spielmanipulationen zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt worden war (Hoyzer saß davon 14 Monate ab, wurde wegen guter Führung vorzeitig entlassen) spielt wieder Fußball. Seit Mai dieses Jahres ist er für den Spandauer Verein SSC Teutonia in der Landesliga am Ball, nachdem der DFB ein Gnadengesuch Hoyzers akzeptiert hatte. Ein langer Weg zurück in die Normalität: Der inzwischen 32-Jährige trifft sich mit den FuWo-Reportern Philipp Stachelsky und Bernd Karkossa zum Gespräch.
FuWo: Herr Hoyzer, vier Jahre lang haben Sie nicht mehr mit der Presse gesprochen. Warum reden Sie jetzt mit uns?
Robert Hoyzer: „Ich glaube einfach, dass auch die Zeit für einen spielt. Je seltener ich den Medien zur Verfügung gestanden habe, desto ruhiger wurde es um meine Person. Als Ihre Anfrage zu einem Interview kam, habe ich zugesagt, auch wenn mein Bauchgefühl mir eher davon abgeraten hat.“
Wie waren denn die letzten Jahre für Sie? Sind Sie auf offener Straße angepöbelt worden?
Hoyzer: „Nein, über die Jahre hat man mich eher in Ruhe gelassen. Auch wenn viele offenbar etwas anderes erwartet haben: Ich kann eigentlich ganz entspannt zum Bäcker gehen und meine Brötchen kaufen.“
Als wir mit Kollegen über unser bevorstehendes Treffen sprachen, wurde gleich gelästert: Trefft Ihr euch im Café King? Fragt ihn mal, ob er einen guten Tipp hat.
Hoyzer: „Naja, solche Sprüche kommen natürlich hin und wieder vor, auch heute noch. In mir geht da innerlich nichts kaputt und ich breche auch nicht in Tränen aus. Natürlich ist das auf Dauer nervig, aber ich will Fußball spielen, da muss ich das abkönnen. Ich kann und will ja meine Vergangenheit auch nicht totschweigen. Ich glaube, in dieser Hinsicht habe ich bereits meinen Frieden gefunden.“
Wie oft sieht man Sie denn noch im Wettbüro?
Hoyzer: „Seit 2004 kein einziges Mal. Hört sich zwar komisch an, aber Stammgast im Wettbüro war ich sowieso nie, auch auf die manipulierten Spielen habe ich ohnehin nie gewettet. Getippt habe ich früher nur im Freundeskreis, wenn wir uns mittwochs die Champions League zusammen angeschaut haben. Das würde ich heute auch noch witzig finden.“
Sie spielen wieder Fußball bei Teutonia. Wie kam es dazu?
Hoyzer: „Ich habe zu Beginn des Jahres bei der Ü 40 von Teutonia mittrainiert, wo mein Vater Betreuer war. Parallel dazu trainierte auch hin und wieder die 1. Männer. Manchmal fiel bei uns das Training aus und Mathias Wolk, übringens ein super Typ, hat mir angeboten, doch mal bei der Ersten mitzumachen. Ich kenne 'Wolke' noch gut aus der Kneipenmannschaft vom Norbert's, wo wir zusammen gespielt haben. Eigentlich wollte ich nur mal reinschnuppern – aber es hat mich nicht mehr losgelassen. Und ich habe gemerkt: Hoppla, du kannst ja auf Landesliga-Niveau mithalten – auch wenn viele in der Truppe das etwas anders sehen.“
Dann kam das erste Spiel gegen Al-Dersimspor. Wie war es, wie haben Gegenspieler und Publikum reagiert?
Hoyzer: „Ich hatte mich immer darauf gefreut, war aber natürlich auch irgendwie besorgt. Es ist dann aber erst einmal niemandem weiter aufgefallen, dass ich da auf dem Platz stand.“
Gab es seitdem keine unangenehmen Vorfälle?
Hoyzer: „Doch, einer fällt mir schon ein. Gegen NNW 98 habe ich mit einem kapitalen Bock unsere Niederlage eingeleitet. Da kamen vom Gegner gleich so Sprüche wie: Danke Hoyzer, gut gemacht. Dafür haben sich einige Spieler nach dem Spiel entschuldigt. Und dann war auch gut. Es muss nur alles in einem gewissen Rahmen bleiben.“
Wie sind Ihre Mitspieler mit der Personalie Hoyzer umgegangen?
Hoyzer: „Die Jungs waren anfangs schon reserviert, das hat sich aber erfreulich schnell gelegt – eine klasse Truppe, die es mir auch sehr einfach gemacht hat. Später haben mir dann einige erzählt, dass sie sich schon gefragt haben: Was will der hier, warum ausgerechnet bei uns? Mittlerweile erledige ich viel Organisatorisches für das Team, bin ab und zu Kapitän und versuche, als älterer Spieler auch außerhalb des Platzes Vorbild zu sein.“
Wollen sie dadurch etwas wiedergutmachen?
Hoyzer: „Nein, das nicht, aber ich sehe als erwachsen gewordener Mensch viele Dinge einfach anders als mit Anfang 20. Ich erkenne mich in vielen Dingen bei den Jungs wieder, sehe die Flausen, die manche im Kopf haben. Diese Unbeschwertheit, diese Unbekümmertheit, diese „Das wird sich schon alles irgendwie regeln“-Einstellung. Wie ich früher auch. Ich bin aber jetzt nicht bei jedem Training der wandelnde Moralapostel. Das würde mir wohl auch nicht jeder abnehmen.“
Wie reagieren Ihre ehemaligen Schiedsrichterkollegen auf Sie?
Hoyzer: „Ich kenne ja noch einige aus meiner aktiven Zeit, so lange ist die ja auch noch nicht her. Der Kontakt ist jetzt sehr auf das Wesentliche beschränkt. Ich begrüße die Schiris, verabschiede sie wieder und versuche, auch mal an das Bier danach zu denken – ohne das Ganze aber zu übertreiben.“
Also ein Stück Normalität?
Hoyzer: „Ja, irgendwie schon. Bisher hatte ich immer das Gefühl, dass die Schiris mich behandeln wie jeden anderen auch.“
Hinter vorgehaltener Hand haben uns einige Schiedsrichter gesagt: Der Hoyzer ist auf dem Platz ziemlich laut, der sollte sich lieber ein wenig zurückhalten.
Hoyzer: „Ich bin als Spieler sicher nicht einfach, wahrscheinlich auch manchmal nervig, sowohl für den Gegner als auch für den Schiedsrichter und meine Mitspieler. Ich bin ehrgeizig, will immer gewinnen, lebe Fußball auch als Spieler sehr intensiv. Ich rede auf dem Platz sehr viel, verkneife es mir aber tunlichst, übers Maß hinauszuschießen – allein schon aus Angst, mit einem Schiedsrichter heftiger aneinander zu geraten. Eine Gelbe Karte wegen Meckerns habe ich bisher noch nicht bekommen. Mir ist sehr wichtig, dass nach dem Spiel alles wieder glatt ist. Nichts ist schlimmer, als wenn man nach dem Abpfiff im Bösen auseinander geht.“
Sind wegen Ihrer Geschichte viele Freundschaften zerbrochen?
Hoyzer: „Ja, das kann man sagen. Viele vermeintliche Freundschaften mit Kollegen haben das nicht ausgehalten, da hat sich schnell die Spreu vom Weizen getrennt. Aber es gab auch einige wenige echte Freunde, die das alles komplett mitgemacht haben, die zu mir gehalten und gesagt haben: Ist zwar großer Mist, aber da müssen wir uns jetzt durchkämpfen. Wie mein bester Kumpel, der jetzt beim FC Spandau spielt. Schön war, als wir im November als Kapitäne unserer Teams gegeneinander spielen durften. Leider hat er sich in diesem Spiel sehr schwer verletzt.“
Vermissen Sie die Zeit als Schiedsrichter?
Hoyzer: „Ich denke oft daran zurück, klar. Ich werde auch jetzt noch gefragt: Mensch, wo wärst du heute, wenn du den Mist nicht gemacht hättest. Das ist sicher schade, auch weil ich noch nicht alles gesehen hatte, was ich hätte sehen können. Aber es ist jetzt halt so, ich vermisse es auch nicht mehr. Doch das hat gedauert, immerhin war ich mehr als zehn Jahre Schiedsrichter.“
Mit Ihrer Rückkehr auf den Fußballplatz provozieren Sie doch eigentlich das Aufreißen alter Wunden. Sie gehen genau dorthin, wo Sie am ehesten mit Ihrer Vergangenheit konfrontiert werden.
Hoyzer: „Weil ich den Fußball liebe, egal ob als Spieler, Zuschauer oder Schiedsrichter. Ich schaue mir auch gerne andere Spiele im Amateurbereich an, vorzugsweise am Ziegelhof. Ich hab es 2006 mal als Kicker beim American Football versucht, hatte daran auch richtig Spaß, doch der Verband wollte mich nicht spielen lassen. Ohnehin wollte ich unbedingt wieder auf den Fußballplatz – trotz aller Schwierigkeiten, auch wenn ich beim Schachspielen oder Bowling vielleicht eher meine Ruhe hätte.“
Sie haben 14 Monate im Gefängnis Hakenfelde gesessen. Wie haben Sie die Zeit erlebt, hatten Sie einen VIP-Status?
Hoyzer: „Es gab zwar anfangs gewisse Vorbehalte mir gegenüber, aber spätestens als mich Mithäftlinge im Blaumann als Hausmeister den Boden wischen sahen, hat jeder gemerkt, dass ich auch nur einer bin, der hier nicht wie Gott auf Latschen durch die Gänge schwebt, sondern was verbrochen hat, für das er jetzt geradestehen muss. Ich habe dann während der Haft Anforderungen wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Ordnung so gut wie möglich erfüllt. Im Rückblick war tatsächlich auch die Haftstrafe für meine weitere Entwicklung eher zuträglich, obwohl ich schon der Meinung bin, dass ich eine Menge abbekommen habe.“
Sie sehen sich also als Bauernopfer?
Hoyzer: „Nein, ganz sicher nicht. Ich habe Fehler gemacht und dafür bin ich auch bestraft worden. Zudem hat mir die Haftstrafe auch auf dem Weg zurück in die Normalität geholfen. Einen Freispruch, wie es etwa der Bundesanwalt in der Revisionsverhandlung forderte, hätte niemand verstanden – und das hätte mich persönlich noch viel weniger weitergebracht.“
Aktualisiert (Sonntag, 15. Januar 2012 um 17:37 Uhr)
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