10.02.2018

Zoff um 1,50 DM

In dieser Woche vor 45 Jahren

In der Saison 1972/73 spielt die Regionalliga Berlin mit neuem Modus: Nach Hin- und Rückrunde kämpfen in der sogenannten Zusatzrunde die ersten sechs um den Titel, auf den Plätzen sieben bis zwölf geht es gegen den Abstieg. Als Zeichen der Solidarität sollen in der Zusatzrunde die Teams von oben, also die „Großen“, 1,50 D-Mark (umgerechnet knapp 77 Cent) pro verkaufter Eintrittskarte an die „Kleinen“ geben. Eine große Mehrheit ist dafür.

Diese Entscheidung fällt zu einem frühen Zeitpunkt der Saison, die Zusatzrunde ist noch weit weg.
Nun, Anfang Februar 1973, rückt sie näher. Es ist inzwischen klar, wer Sechster oder besser wird und wer unten landet. Am 25. Februar werden die Spiele beginnen. Der 1,50-DM-Beschluss ruft mittlerweile weniger Begeisterung hervor. Was die FuWo nicht verwundert: „Diese Kiste mit einigen von vornherein zu erkennenden sehr kantigen Ecken hätte sich wohl nicht so leicht verladen lassen, wenn sofort schwere Bedenken seitens einiger der ‚Großen‘ geäußert worden wären.“ Allerdings hätten bis auf Tennis Borussia alle geschwiegen „wie Fische“. 

 
Die Zeit des Schweigens ist vorbei, die Vereinsverantwortlichen sitzen sich bei der Tagung am zweiten Mittwoch im Februar „argwöhnisch wie selten gegenüber“, so die FuWo. Schon im Vorfeld war von einigen versucht worden, den Beschluss zu kippen oder zumindest Schüler- und Rentnerkarten auszunehmen.
1,50 DM scheint zunächst nicht viel. Aber zum Vergleich: 1973 kostet ein Liter Benzin etwa 80 Pfennig. Und zu Bundesligaspielen kommt ein Vollzahler oft für fünf D-Mark ins Stadion. Daher sind die strittigen 150 Pfennig für einen Klub der zweithöchsten Spielklasse kein Betrag aus der Portokasse.

Blau-Weiß 90, Wacker 04, Tasmania 1900, TeBe, Hertha 03 und der BSV 92 sind über dem Strich, drunter stehen Rapide Wedding, Spandauer SV, 1. FC Neukölln, Alemannia 90, BFC Preussen und NFC Rot-Weiß. Der Blick auf zwei Zuschauerzahlen im Verlauf der Zusatzrunde zeigt, wie krass die Unterschiede in der Zuschauergunst sind: 99 Zahlende bei NFC Rot-Weiß gegen Rapide, 1083 bei Zehlendorf gegen TeBe. 

Zurück in den Februar. Ein Trio der „Großen“ – Fritz Herz von Wacker, Otto Höhne von Hertha 03 und Manfred Kursawa vom späteren Meister Blau-Weiß – macht die Rechnung auf, dass es nicht bei 1,50 DM bleibt, weil noch die Abgabe an den Verband dazukommt. Also insgesamt 1,72 DM pro Karte. TeBe kündigt in Person des 2. Vorsitzenden Heinz Opitz an, Schüler kostenlos ins Stadion zu lassen, falls es keinen Kompromiss gibt. Was den Personalaufwand minimieren würde. Für die Vereine von unten gibt vor allem Dieter Dolgner von Rapide Kontra.

Letztlich kommt es zu einer Einigung: Die „Großen“ führen 1,50 DM für jede Karte ab, behalten aber vom Gesamtbetrag eine Pauschale von 75 DM ein. Die FuWo erläutert das Ganze anhand einer Beispielrechnung, basierend auf 516 verkauften Tickets in verschiedenen Preiskategorien. Von den eingenommenen 1552 DM gehen 774 DM in den Topf der „Kleinen“. Nach allen weiteren Abzügen bleiben dem Heimverein netto 713,26 DM übrig.
Der Kompromiss hat keine lange Lebensdauer. Denn die Aufteilung der Liga in zwei Sechserstaffeln ist eine einmalige Sache. In der Saison danach kehrt der alte Modus zurück: In der kleinen Liga mit nur zwölf Vereinen spielt jeder dreimal gegen jeden, dann steht der Meister fest. Ohne Zoff um 1,50 DM.   

Von Sebastian Schlichting

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