11.11.2017

Sei bereit zu jubeln!

In dieser Woche vor 90 Jahren

Ein Berichterstatter der Fußball-Woche war am Tag vor dem Spiel beim Training der Stockholmer Auswahl. Seine Beobachtungen stimmten ihn wenig zuversichtlich: „Wer am Sonnabendnachmittag die erst einige Stunden vorher in Berlin eingetroffenen Stockholmer auf dem Preußenplatz 35 Minuten lang angestrengte Ballarbeit und eine Laufrunde absolvieren sah, ging mit dem unangenehmen Gefühl nach Hause: Morgen gibt es eine Katastrophe für Berlin!“

Fußball war in den 1920er-Jahren zum Volkssport geworden, der Deutsche Fußball-Bund schreibt auf seiner Webseite: „Überall entstanden Stadien, um dem wachsenden Interesse Rechnung zu tragen. Das Spiel mit dem Ball wurde zum größten Sonntagsvergnügen, die Skeptiker waren längst auf dem Rückzug.“ Am 6. November 1927 kamen 13.000 Zuschauer ins Preussen-Stadion auf dem Tempelhofer Feld (das es nur von 1924 bis 1936 gab) zu einem der über Jahrzehnte beliebten Spiele der Berliner Stadtauswahl. Diese war erstmals am 4. Juni 1899 aufgelaufen (1:6 in Hamburg), danach gab es regelmäßig Vergleiche mit nationalen und internationalen Gegnern. 1951 etwa verfolgten 90.000 Zuschauer das 2:2 gegen Zürich im Olympiastadion. Hertha-Legende Hanne Sobek kam auf über 100 Auswahl-Einsätze. Erst mit der Einführung der Bundesliga 1963 ließ das Interesse merklich nach. 


Bevor die Zuschauer an diesem verregneten Novembersonntag die Teams aus Berlin und Stockholm sahen, traten der SV Berliner Straßenbahn und der VfL Berliner Lehrerschaft an. Die FuWo notierte zum Teil „wirklich erstklassige Leistungen“, sah aber auch „Perioden absoluter Spielarmut“. Die „Schulmeister“ siegten 3:1, Bargender gelang ein Hattrick, Baukus traf für die Straßenbahner. 

„Dann kamen sie. Prächtige Gestalten in gelben Jerseys, weißen Hosen, breitschultrige, blonde Schweden“, die eingangs erwähnten Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Sieben Akteure spielten bei AIK Stockholm (inzwischen AIK Solna). Darunter Per Kaufeldt, bis heute Rekordtorschütze des Vereins (122 Treffer in 170 Spielen) und damals in drei Sportarten Nationalspieler (Fußball, Eishockey, Bandy). Auf Berliner Seite fehlten die Spieler von Hertha BSC wegen einer Partie bei Arminia Bielefeld, zudem hatte es weitere Absagen gegeben. Mit dabei war aber unter anderem Hans Brunke von Tennis Borussia, der insgesamt sieben Länderspiele für das DFB-Team bestritt.
„Trostlos war Berlins Spiel in dieser Periode und nur drei Lichtblicke (gemeint waren die Spieler Grawert, Lehmann und Schönherr, Anm. d. Red.) in dieser Einöde gaben unseren Hoffnungen nur schwachen Halt. Drei Leute waren für uns das, was fortgeworfene, wertlose Holzplanken für einen Schiffbrüchigen bedeuten“, ist in der FuWo über die Anfangsphase zu lesen. Das erste Tor köpfte Wahlberg, wobei Kaufeldt den Ball noch berührte. Berlins Abwehr hatte bei einer Ecke nicht aufgepasst, dabei „weiß es jeder Knirps in Stockholm, daß Wahlberg die Tore mit dem Kopf schießt“. Das zweite Tor für die Gäste erzielte Carlsson. 

Die Entscheidung noch vor der Halbzeit? Nein! „Dreiundzwanzig Mal habe ich bis jetzt für den Verband gespielt, aber noch nie hat eine Mannschaft so gekämpft wie die heutige“, sagte Brunke in den „Spieler-Interviews“, die am Ende der neunseitigen Berichterstattung standen. Fotos vom Spiel gab es erst eine Ausgabe später, stattdessen wurden die Spieler gezeichnet. Berlin schaffte noch ein „ehrenvolles Unentschieden“ dank zweier Tore von Gesch (NNW 98). Die FuWo schloss versöhnlich: „Nach jammervollen Städtespielen hat diese Mannschaft das mißtrauisch gewordene Publikum zurückgewonnen. Berlin kann wieder sagen: Wer mit mir zu meinen Städtespielen geht, der sei bereit zu jubeln!“
Berlin spielte mit: Geiger, Gesch, Leichtmann (alle NNW 98), Brunke, Raue (beide TeBe), Grawert, Schulz (beide Viktoria 89), Lehmann, Schönherr (beide BSV 92), Torwart Janvirs (Blau-Weiß 90), Krüger (BFC Preussen).

Von Sebastian Schlichting

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